P2P-Kredite: Wie du die realistische Rendite nach Ausfällen richtig berechnest
16. Juli 2026 · Lesezeit ca. 12 Min. · Redaktion: RenditeRadar
10, 12 oder sogar 14 % Zinsen versprechen viele P2P-Plattformen – auf dem Papier. Wir zeigen Schritt für Schritt, welche Faktoren die reale Netto-Rendite auffressen und wie du sie selbst überschlagen kannst.
Der Zins auf der Startseite ist nicht deine Rendite
P2P-Plattformen werben häufig mit Zahlen zwischen 8 und 14 % pro Jahr. Wer diese Zahl direkt in seine Renditeerwartung übernimmt, rechnet mit brutto statt netto – und übersieht dabei mehrere Faktoren, die zwischen dem beworbenen Nominalzins und dem Geld, das am Ende tatsächlich auf dem Konto ankommt, liegen. Dieser Artikel ist kein Einstieg in P2P-Kredite an sich – die Mechanik, Originator-Modelle und Grundrisiken haben wir bereits im P2P-Kredite Ratgeber und im Beitrag P2P-Kredite: Chancen und Risiken eingeordnet. Hier geht es ausschließlich um die Rechnung: Welche Stellschrauben senken die reale, erwartete Rendite, und wie kannst du dir selbst eine realistischere Zahl überschlagen, bevor du Kapital einer illiquiden, nicht durch eine Einlagensicherung geschützten Anlageklasse zuordnest?
Wichtig vorab: Alles Folgende ist eine Rechenmethodik und Einordnung öffentlich zugänglicher Marktbeobachtungen – keine Anlageberatung und keine Empfehlung für oder gegen eine bestimmte Plattform. Historische Ausfallzahlen sind zudem kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ausfälle, insbesondere weil mehrere große Plattformpleiten in der P2P-Branche genau dann eintraten, wenn frühere Statistiken am beruhigendsten aussahen.
Warum Nominalzins und Realrendite auseinanderfallen
Der auf der Plattform angezeigte Zinssatz ist in aller Regel der Zins, den der Kreditnehmer beziehungsweise Originator vertraglich zusagt – nicht das, was bei dir als Investor nach Abzug aller Reibungsverluste ankommt. Zwischen beiden Zahlen liegen mindestens sechs Faktoren:
- die tatsächliche Ausfallquote der Kredite in deinem Portfolio
- wie vollständig Verzugszinsen bei säumigen, aber nicht endgültig ausgefallenen Krediten tatsächlich nachgezahlt werden
- die reale Reichweite von Rückkaufgarantien, sobald nicht nur ein einzelner Kredit, sondern der Originator selbst ausfällt
- Plattform- und Transaktionsgebühren, inklusive Sekundärmarkt-Spreads
- Währungsrisiko bei Krediten außerhalb des Euroraums
- Cashflow- und Wiederanlageverzögerungen, während derdein Kapital unverzinst auf dem Plattformkonto liegt
Jeder dieser Punkte für sich wirkt oft klein. In Kombination – und erst recht in einem Stressjahr, in dem mehrere Faktoren gleichzeitig schlagend werden – können sie mehrere Prozentpunkte der erwarteten Rendite auffressen, im Extremfall auch mehr als das.
Ausfallquote: keine einheitliche Zahl, sondern eine große Bandbreite
Es gibt keine seriöse, universelle „P2P-Ausfallquote“, die für alle Plattformen, Kreditarten und Marktphasen gilt. Die Spannweite öffentlich einsehbarer Plattform- und Portfolioauswertungen ist entsprechend groß: Bei einzelnen Konsumentenkredit-Plattformen mit Rating-System wurden für Kredite der besten Bonitätsklassen Ausfallquoten im Bereich von deutlich unter 1 % berichtet, für die schwächsten Ratingklassen dagegen im mittleren einstelligen Prozentbereich. Bei Immobilien-besicherten P2P-Krediten (Bridge-Finanzierungen) zeigte ein größerer Anbieter für das Geschäftsjahr 2023 eine offiziell ausgewiesene Ausfallquote von rund 27 % und für 2024 von rund 13 % – ein Beispiel dafür, wie stark sich Ausfallquoten von Jahr zu Jahr und je nach Kreditsegment unterscheiden können. Andere, auf granulare Kleinkredite spezialisierte Plattformen wiesen dagegen über mehrere Krisenjahre hinweg Ausfallquoten im niedrigen einstelligen Bereich aus, bei noch geringerem tatsächlichem Kapitalverlust nach Verwertung.
Zwei Einschränkungen sind hier zentral: Erstens stammen diese Zahlen von den Plattformen selbst oder aus community-basierten Auswertungen einzelner Investoren – unabhängig geprüfte, standardisierte Statistiken über die gesamte Branche existieren nicht. Zweitens sagt eine niedrige historische Ausfallquote aus einer Phase mit günstigen Finanzierungsbedingungen wenig darüber aus, wie sich dieselbe Plattform in einem Zinsanstieg oder einer Rezession schlägt. Für die Rechnung weiter unten verwenden wir deshalb bewusst keine einzelne „echte“ Ausfallquote, sondern zwei ausdrücklich als illustrativ gekennzeichnete Szenarien.
Verzugszinsen: Nachzahlung ja, aber mit Zeitverzug und Unsicherheit
Viele Plattformen zahlen bei verspäteter, aber letztlich erfolgter Rückzahlung zusätzliche Verzugszinsen aus, die einen Teil des entgangenen Ertrags kompensieren sollen. Für deine Renditerechnung heißt das zweierlei: Ein Teil der zunächst als „Ausfall“ markierten Beträge kommt später doch noch zurück, oft sogar mit Aufschlag – das mindert den Renditeeffekt eines reinen Ausfalls. Gleichzeitig bindet diese Verzögerung Kapital, das in der Zwischenzeit nicht neu investiert werden kann (siehe Cashflow-Verzögerung unten), und ob ein als „in Verzu“ markierter Kredit am Ende tatsächlich noch bedient wird oder in einen endgültigen Ausfall übergeht, lässt sich zum Zeitpunkt der Betrachtung oft noch nicht sicher sagen. Wer nur die aktuelle Ausfallquote einer Plattform abliest, sollte deshalb auch die Quote der Kredite „in Verzug“ im Blick behalten – sie ist ein Frühindikator für künftige Ausfälle.
Was Rückkaufgarantien wirklich (nicht) abdecken
Die „Rückkaufgarantie“ (Buyback-Garantie) ist das am häufigsten genutzte Vertrauensargument im P2P-Marketing. Der Mechanismus: Fällt ein einzelner Kredit über einen bestimmten Zeitraum (häufig 30 bis 90 Tage) aus, verpflichtet sich der Originator, die Forderung zum Nennwert zuzüglich aufgelaufener Zinsen vom Investor zurückzukaufen. Das funktioniert – solange der Originator selbst zahlungsfähig bleibt.
Genau hier liegt die entscheidende Einschränkung, die im Marketing meist nicht im gleichen Atemzug genannt wird: Eine Rückkaufgarantie schützt ausschließlich vor dem Ausfall einzelner Endkreditnehmer. Sie schützt nicht vor der Insolvenz des Originators oder der Plattform selbst. Wird der Garantiegeber zahlungsunfähig, wird die Garantie faktisch wertlos, weil niemand mehr da ist, der sie erfüllen kann. Mehrere Fälle aus der jüngeren P2P-Geschichte zeigen das deutlich:
- Ende 2019 stellten die Plattformen Envestio und Kuetzal ihren Betrieb ein und wurden für insolvent erklärt; bei Envestio sollen rund 30 Millionen Euro von tausenden Anlegern betroffen gewesen sein, und es stellte sich im Nachhinein heraus, dass ein Teil der beworbenen Projekte gar nicht real existierte.
- Anfang 2020 folgte die Plattform Grupeer unter ähnlich intransparenten Umständen – auch hier verloren Anleger trotz beworbener Rückkaufgarantien einen erheblichen Teil ihres eingesetzten Kapitals.
- Bei der Marktplatz-Plattform Mintos fielen über mehrere Jahre hinweg einzelne angeschlossene Kreditgeber (Originatoren) aus, etwa im Umfeld der Corona-Krise und im Zuge des Kriegs gegen die Ukraine, als Zahlungsflüsse zu und von russischen sowie einigen anderen Originatoren zum Erliegen kamen. Weil die Garantie an die Zahlungsfähigkeit des jeweiligen Originators gebunden war, kam es bei diesen Ausfällen zu Nachverhandlungen und Teilverlusten statt zur vollständigen Rückzahlung.
- Mintos selbst hat den Begriff in seiner eigenen Kommunikation inzwischen von „Buyback Guarantee“ zu „Buyback Obligation“ geändert – eine Klarstellung, dass es sich um eine vertragliche Verpflichtung des Originators handelt, nicht um eine Garantie im rechtlichen oder versicherungsähnlichen Sinn.
Für deine Rechnung bedeutet das: Eine Rückkaufgarantie reduziert das Ausfallrisiko auf Einzelkreditebene, sie eliminiert es nicht auf Portfolioebene. Das verbleibende Risiko ist im Kern ein Klumpenrisiko auf den jeweiligen Originator beziehungsweise die Plattform – und genau dieses Risiko lässt sich durch Streuung über mehrere Originatoren und Plattformen zwar reduzieren, aber nicht vollständig wegdiversifizieren, weil Plattforminsolvenzen historisch nicht unabhängig voneinander aufgetreten sind, sondern oft im selben Marktumfeld (Liquiditätsengpässe, Betrugsfälle, regulatorischer Druck) gehäuft.
Plattform-Gebühren: selten direkt, aber oft eingepreist
Viele P2P-Plattformen werben damit, dass Investoren „keine Gebühren“ zahlen. Das stimmt für die direkte Kontoführung häufig, ist aber nur die halbe Wahrheit. Finanziert werden die Plattformen in der Regel über Gebühren auf der Kreditnehmerseite – etwa Vermittlungsgebühren beim Auszahlen des Kredits und laufende Verwaltungsgebühren, die im Ergebnis den Zinsspread zwischen dem, was der Kreditnehmer zahlt, und dem, was der Investor erhält, bestimmen. Direkt beim Investor anfallende Kosten sind trotzdem nicht zu vernachlässigen: Sekundärmarkt-Transaktionen (der Verkauf von Kreditanteilen vor Laufzeitende) werden bei mehreren größeren Plattformen mit Gebühren von rund 1 bis 2 % des Handelsvolumens belegt, und einzelne Anbieter berechnen zusätzlich Auszahlungs- oder Transfergebühren pro Vorgang. In Summe sind das selten mehr als niedrige einstellige Prozentpunkte pro Jahr – aber sie gehören in jede realistische Renditerechnung, gerade wenn du aktiv über den Sekundärmarkt umschichtest statt bis zur Endfälligkeit zu halten.
Bei Plattformen, die sich stark auf Immobilien- oder Projektfinanzierungen konzentrieren, wurden zusätzlich Vermittlungsgebühren gegenüber Kreditnehmern im Bereich von rund 2,5 bis 4 % der Kreditsumme sowie laufende Verwaltungsgebühren von bis zu 2 % pro Jahr berichtet. Diese Gebühren zahlt zwar formal der Kreditnehmer, sie beeinflussen aber indirekt, wie viel Marge für Investorenzinsen und für einen finanziellen Puffer bei Zahlungsverzug überhaupt übrig bleibt – ein Grund, warum ein niedrigerer Investoren-Zins bei sonst gleichen Bedingungen nicht automatisch ein schlechteres Angebot sein muss, wenn die Gebührenstruktur des Originators dafür robuster ist.
Sekundärmarkt-Abschläge: Liquidität hat einen Preis
P2P-Kredite sind grundsätzlich illiquide – die vertragliche Laufzeit läuft, unabhängig davon, ob du dein Geld zwischenzeitlich brauchst. Sekundärmärkte sollen diese Illiquidität abfedern, funktionieren aber nur, solange es genug Käufer gibt. In ruhigen Marktphasen lassen sich Anteile oft zum Nennwert oder sogar mit kleinem Aufschlag verkaufen. Sobald jedoch viele Investoren gleichzeitig verkaufen wollen – etwa weil Zweifel an einem Originator oder der gesamten Plattform aufkommen –, fällt der erzielbare Preis unter den Nennwert, teils deutlich. Wer in einer solchen Phase liquidieren muss, realisiert einen Abschlag, der über die reine Transaktionsgebühr hinausgeht. Für die Renditerechnung heißt das: Ein Sekundärmarkt ist keine Garantie für Liquidität zum Nennwert, sondern bestenfalls eine Option mit unsicherem Preis.
Währungsrisiko bei Nicht-Euro-Krediten
Ein Teil der auf europäischen Plattformen angebotenen Kredite ist in Nicht-Euro-Währungen denominiert, etwa in georgischem Lari, kasachischem Tenge, mexikanischem Peso oder anderen Währungen der Herkunftsländer der Kreditnehmer. Der höhere Nominalzins solcher Kredite kompensiert Investoren häufig gerade für dieses Wechselkursrisiko – ein ökonomisch nachvollziehbarer Zusammenhang, der aber in der Renditewahrnehmung oft untergeht, wenn nur der Zinssatz und nicht das Währungsrisiko kommuniziert wird. Manche Plattformen bieten eine Währungsabsicherung (Hedging) an, die einen Teil des Nominalzinses aufzehrt; wird nicht gehedgt, hängt die tatsächliche Euro-Rendite zusätzlich von der Wechselkursentwicklung während der Kreditlaufzeit ab und kann in beide Richtungen erheblich abweichen. Für die eigene Rechnung gilt deshalb: Ein zusätzlicher Zinsaufschlag von wenigen Prozentpunkten für einen Fremdwährungskredit ist keine risikofreie Zusatzrendite, sondern eine Kompensation für ein Risiko, das sich – anders als eine Ausfallquote – kaum durch Diversifikation über mehr Kredite wegmitteln lässt, solange alle betroffenen Kredite auf dieselbe Fremdwährung lauten.
Cashflow- und Wiederanlageverzögerungen (Cash-Drag)
Auto-Invest-Funktionen sollen dafür sorgen, dass zurückgezahltes Kapital sofort wieder investiert wird. In der Praxis liegt Kapital aber regelmäßig für Tage oder Wochen unverzinst auf dem Plattformkonto – etwa direkt nach einer größeren Rückzahlungswelle, wenn das Angebot an neuen, zu den eigenen Kriterien passenden Krediten kurzfristig knapp ist. Dieser Effekt, in der Finanzbranche „Cash-Drag“ genannt, senkt die effektive Rendite auf das eingesetzte Kapital, ohne dass er in der beworbenen Nominalverzinsung sichtbar wird, weil diese sich üblicherweise nur auf tatsächlich investiertes Kapital bezieht.
Rechenbeispiel: vom Nominalzins zur realistischen Netto-Rendite
Die folgende Tabelle rechnet exemplarisch vor, wie sich ein beworbener Nominalzins von 10 % pro Jahr in zwei ausdrücklich illustrativen Szenarien entwickeln kann. Die Zahlen sind bewusst keine Prognose und keine für eine bestimmte Plattform verifizierte Kennzahl, sondern eine Methodik, die du mit den tatsächlichen, plattformspezifischen Werten deiner eigenen Position füllen solltest.
Methodisch werden die Effekte hier vereinfacht additiv auf den Nominalzins angewendet, um die Rechnung nachvollziehbar zu halten. In der Praxis wirken einzelne Faktoren nicht exakt linear und nicht unabhängig voneinander – ein Ausfall bei einem Fremdwährungs-Originator etwa kombiniert Ausfall- und Währungsrisiko in einem einzigen Ereignis. Für eine Grobeinschätzung reicht die additive Näherung aus; wer es genauer wissen will, sollte pro Originator und Währungsraum getrennt rechnen und die Ergebnisse gewichtet nach Portfolioanteil zusammenführen.
| Rechenschritt | Moderates Szenario | Stress-Szenario (Originator-/Plattformrisiko realisiert sich) |
|---|---|---|
| Beworbener Nominalzins | 10,0 % | 10,0 % |
| abzüglich Cash-Drag (Wiederanlageverzögerung) | −0,4 Prozentpunkte | −0,8 Prozentpunkte |
| abzüglich Plattform-/Sekundärmarktgebühren | −0,3 Prozentpunkte | −0,6 Prozentpunkte |
| abzüglich Ausfallquote nach nur teilweise wirksamer Rückkaufgarantie | −1,5 Prozentpunkte | −6,0 Prozentpunkte |
| abzüglich Währungsrisiko (ungesicherte Nicht-Euro-Anteile) | −0,5 Prozentpunkte | −2,5 Prozentpunkte |
| Illustrative realistische Netto-Rendite | ca. 7,3 % | ca. 0,1 % |
Das moderate Szenario entspricht ungefähr dem, was gut diversifizierte, überwiegend auf etablierte Konsumentenkredit-Originatoren gestützte Portfolios in ruhigeren Marktphasen laut verschiedenen community-basierten Auswertungen erzielt haben. Das Stress-Szenario bildet näherungsweise ab, was passiert, wenn nicht nur einzelne Endkredite, sondern ein oder mehrere Originatoren beziehungsweise eine ganze Plattform in Schieflage geraten – ein Muster, das sich in der P2P-Geschichte mehrfach wiederholt hat. In echten Krisenfällen wie Envestio oder Kuetzal lag der tatsächliche Verlust für betroffene Investoren sogar noch deutlich unter der Nulllinie dieser Tabelle, weil dort nicht nur Rendite, sondern auch investiertes Kapital dauerhaft verloren ging.
Häufige Denkfehler bei der P2P-Renditeeinschätzung
- Nominalzins mit Nettorendite verwechseln. Der auf der Plattform angezeigte Zins ist ein Ausgangswert, kein Ergebnis.
- Rückkaufgarantie mit Kapitalgarantie gleichsetzen. Eine Garantie, die an die Zahlungsfähigkeit eines einzelnen Originators gebunden ist, ist kein risikoloses Sicherheitsnetz.
- Kurze, günstige Historie als Beweis für Stabilität werten. Mehrere heute etablierte Plattformen sahen in ihren ersten Jahren ebenfalls unauffällig aus; einzelne der oben erwähnten Insolvenzfälle folgten erst nach längeren Phasen niedriger ausgewiesener Ausfallquoten.
- P2P-Kredite mit Tagesgeld oder Festgeld vergleichen. Beide Anlageformen fallen unter die gesetzliche Einlagensicherung, P2P-Kredite grundsätzlich nicht – ein struktureller Unterschied, der nicht durch einen höheren Zins kompensiert wird, sondern eine andere Risikoklasse beschreibt.
- Diversifikation über viele Einzelkredite mit Diversifikation über Originatoren verwechseln. Hundert Kredite desselben zahlungsunfähigen Originators sind kein diversifiziertes Portfolio.
- Werbematerial der Plattform als unabhängige Quelle behandeln. Ausfallstatistiken, die eine Plattform über sich selbst veröffentlicht, sind kein Ersatz für eine unabhängige Prüfung.
- Nur die durchschnittliche Rendite betrachten, nicht die Streuung. Ein Portfolio mit im Schnitt 8 % Rendite, das in einem von zehn Jahren einen zweistelligen Verlust erleiden kann, hat ein anderes Risikoprofil als eines mit konstant 6 %, selbst wenn der langfristige Mittelwert ähnlich aussieht.
- Survivorship-Bias bei Erfahrungsberichten ignorieren. Wer heute öffentlich über seine P2P-Rendite berichtet, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Plattform gewählt, die zwischenzeitlich insolvent wurde – Verlustfälle sind in frei zugänglichen Erfolgsberichten strukturell unterrepräsentiert.
Fazit: eine Renditeerwartung, kein Versprechen
P2P-Kredite können in einem breit gestreuten Portfolio nach Abzug aller Kosten und Ausfälle eine Rendite oberhalb klassischer Zinsprodukte erzielen – sie können in Stressphasen aber auch deutlich negative Ergebnisse liefern, bis hin zum Totalverlust einzelner Positionen bei einer Plattform- oder Originator-Insolvenz. Wer eine realistische Erwartung bilden will, sollte den beworbenen Nominalzins konsequent um Ausfallquote, die tatsächliche Reichweite von Rückkaufgarantien, Gebühren, Sekundärmarkt-Abschläge, Währungsrisiko und Wiederanlageverzögerungen bereinigen – idealerweise mit einem moderaten und einem expliziten Stress-Szenario, nicht nur mit der Zahl von der Startseite. Für die Einordnung gegenüber anderen Anlageklassen kann der Rendite-Rechner helfen, unterschiedliche Szenarien nebeneinander zu legen; einen Überblick über aktuell verglichene Plattformen findest du in unserem P2P-Kredite Vergleich. Wie bei jeder Anlageentscheidung gilt: Dies ist eine Einordnung öffentlich verfügbarer Informationen, keine individuelle Anlageberatung – Details zu unserer redaktionellen Arbeitsweise und Affiliate-Kennzeichnung findest du auf der Transparenz-Seite.
Häufige Fragen
Wie berechne ich meine realistische P2P-Rendite selbst?
Nimm den Nominalzins deines Portfolios als Ausgangswert und ziehe systematisch ab: die tatsächliche Ausfallquote deiner Kredite (nach Rückkaufgarantie, soweit diese noch greift), anfallende Plattform- und Sekundärmarktgebühren, Verluste durch Wechselkursschwankungen bei Nicht-Euro-Krediten sowie einen Abschlag für nicht investiertes, unverzinstes Kapital (Cash-Drag). Rechne das für ein moderates und ein Stress-Szenario durch – die Spannbreite zwischen beiden zeigt dir dein reales Risiko besser als eine einzelne Punktschätzung.
Was ist der Unterschied zwischen der Ausfallquote und der Quote der Kredite in Verzug?
Kredite in Verzug (Default) sind Kredite mit überfälligen Zahlungen, bei denen noch unklar ist, ob sie letztlich doch bedient werden oder endgültig ausfallen. Die Ausfallquote bezieht sich auf Kredite, bei denen die Rückzahlung mit hoher Wahrscheinlichkeit dauerhaft ausbleibt. Die Verzugsquote ist ein Frühindikator: Ein Anstieg deutet oft auf steigende Ausfälle in den Folgequartalen hin.
Schützt eine Rückkaufgarantie vor Kapitalverlust?
Nur teilweise. Eine Rückkaufgarantie schützt in der Regel vor dem Ausfall einzelner Endkreditnehmer, weil der Originator den Kredit zurückkauft. Sie schützt nicht davor, dass der Originator oder die Plattform selbst zahlungsunfähig wird – in diesem Fall kann die Garantie faktisch wertlos werden, wie mehrere Insolvenzfälle in der P2P-Branche gezeigt haben. Es handelt sich um eine vertragliche Zusage, nicht um eine Versicherung oder eine gesetzliche Garantie.
Wie hoch sind die Ausfallquoten bei P2P-Krediten typischerweise?
Es gibt keine einheitliche Zahl. Öffentlich einsehbare Plattformangaben und Community-Auswertungen zeigen stark unterschiedliche Werte je nach Kreditart, Bonitätsklasse und Marktphase – von unter 1 % bei besicherten oder besonders bonitätsstarken Segmenten bis zu einem Viertel oder mehr des Kreditvolumens bei bestimmten Immobilien-Kreditsegmenten in schwierigen Geschäftsjahren. Historische Werte einer Plattform sind zudem kein verlässlicher Indikator für künftige Ausfälle.
Sind P2P-Kredite mit Tagesgeld oder Festgeld vergleichbar?
Nein. Tagesgeld und Festgeld fallen unter die gesetzliche Einlagensicherung bis 100.000 Euro pro Kunde und Institut. P2P-Kredite haben diesen Schutz grundsätzlich nicht – bei einer Plattform- oder Originator-Insolvenz kann eingesetztes Kapital ganz oder teilweise verloren gehen. P2P-Kredite sind eine andere, deutlich risikoreichere und illiquidere Anlageklasse, kein Ersatz für klassische Zinsprodukte.
Welche Rolle spielt der Sekundärmarkt für meine tatsächliche Rendite?
Der Sekundärmarkt kann Liquidität schaffen, wenn du vor Laufzeitende verkaufen willst, ist aber weder kostenlos noch garantiert zum Nennwert verfügbar. In ruhigen Marktphasen sind Abschläge meist gering, in Stressphasen mit vielen gleichzeitigen Verkäufern können sie deutlich zulasten der realisierten Rendite ausfallen.
Warum unterscheidet sich meine reale Rendite von der Statistik im Plattform-Dashboard?
Plattform-Dashboards zeigen meist eine erwartete oder durchschnittliche Verzinsung auf Basis noch nicht abgeschlossener Kredite, nicht zwingend den nach vollständiger Verwertung realisierten Netto-Ertrag. Cash-Drag, Gebühren, Währungseffekte und erst später final gebuchte Ausfälle werden dort häufig nicht oder nur verzögert abgebildet.
Sollte ich P2P-Kredite als Ersatz für sichere Anlagen nutzen?
Nein. P2P-Kredite sind eine hochriskante, illiquide Anlageklasse ohne Einlagensicherung, bei der auch bei sorgfältiger Auswahl ein Teil- oder Totalverlust möglich ist. Sie eignen sich allenfalls als kleiner, bewusst risikobehafteter Baustein neben einer breit gestreuten Basisanlage – nicht als Alternative zu Tagesgeld, Festgeld oder als vermeintlich sichere Zinsquelle.