Value Averaging: Die unbekannte Alternative zum Cost-Average-Effekt
3. September 2026 · Lesezeit ca. 15 Min. · Redaktion: RenditeRadar
Value Averaging steuert nicht die Sparrate, sondern den Portfolio-Zielwert – mit teils überraschenden Konsequenzen: mehr Kaufdisziplin bei fallenden Kursen, aber auch hohe Nachschüsse und Verkäufe nach Kursrallys.
Wer sich mit ETF-Sparplänen beschäftigt, stößt fast automatisch auf den Cost-Average-Effekt: gleichbleibende monatliche Raten, die bei niedrigen Kursen mehr und bei hohen Kursen weniger Anteile kaufen. Weit weniger bekannt ist eine Variante, die genau an diesem Punkt ansetzt und ihn konsequent weiterdenkt – Value Averaging (VA). Statt jeden Monat denselben Betrag zu investieren, legt man sich bei Value Averaging einen Zielwert für das gesamte Depot fest und passt die Einzahlung so an, dass dieser Zielwert exakt erreicht wird. Bleibt das Depot hinter dem Ziel zurück, wird mehr eingezahlt. Läuft es besser als geplant, wird weniger eingezahlt – im Extremfall wird sogar Kapital entnommen. Diese Idee klingt zunächst wie eine clevere Verschärfung des bekannten „günstig kaufen, wenn die Kurse fallen"-Prinzips, bringt in der Praxis aber Konsequenzen mit sich, die viele Anleger überraschen: schwankende, teils sehr hohe Einzahlungen, erzwungene Verkäufe nach guten Börsenphasen und einen Verwaltungsaufwand, den die meisten deutschen Broker nicht automatisieren. Die Strategie geht auf den früheren Finanzprofessor Michael E. Edleson zurück, der sie 1988 an der Harvard Business School erstmals beschrieb und 1993 in seinem Buch „Value Averaging: The Safe and Easy Strategy for Higher Investment Returns" ausführlich dokumentierte. Dieser Beitrag erklärt die Mechanik anhand eines durchgerechneten Beispiels, ordnet die akademische Evidenz ein und zeigt ehrlich, welche praktischen Hürden Value Averaging in der Breite unpopulär gemacht haben.
Das Wichtigste in Kürze
- Andere Zielgröße: Value Averaging steuert nicht die Einzahlung, sondern den Depotwert. Man legt eine Wertentwicklungs-Zielkurve fest und zahlt jede Periode genau so viel ein (oder entnimmt so viel), dass der Depotwert exakt auf dieser Kurve landet.
- Verstärkter antizyklischer Effekt: Nach Kursverlusten wird automatisch mehr investiert, nach starken Kursgewinnen weniger oder gar nichts – im Extremfall wird sogar verkauft.
- Akademisch umstritten: Der oft zitierte Renditevorteil beruht laut Forschung teils auf einer Verzerrung der verwendeten Kennzahl; bei risikoadjustierter Betrachtung schneidet Value Averaging gegenüber einer Einmalanlage in den meisten untersuchten Anlageklassen nicht besser ab.
- Praktisch anspruchsvoll: Die Einzahlungen schwanken stark und können nach längeren Kursrückgängen unerwartet hohe Nachschüsse verlangen – ungünstig bei einem festen Monatsbudget.
- Steuerlich relevant: Wird entnommen bzw. verkauft, um die Zielkurve einzuhalten, kann das einen steuerpflichtigen Veräußerungsgewinn auslösen.
- Kaum automatisierbar: Die meisten deutschen Broker und Depotanbieter bieten keine native Value-Averaging-Order – anders als beim klassischen ETF-Sparplan, der jeden Monat automatisch ausgeführt wird.
Wer nach „Value Averaging" sucht, findet im deutschsprachigen Raum bislang nur wenige verständliche Erklärungen – die meisten Quellen sind englischsprachig und richten sich an US-Anleger mit anderen steuerlichen Rahmenbedingungen. Dabei lohnt sich ein Blick auf die Mechanik gerade deshalb, weil sie den Blick auf das eigene Anlageverhalten schärft: Wer versteht, warum Value Averaging in schwachen Marktphasen hohe Nachschüsse verlangt, versteht auch besser, warum ein einfacher, fester Sparplan diesen Konflikt von vornherein vermeidet.
Der bekannte Ausgangspunkt: Cost-Average-Effekt und Sparplan
Bevor es um Value Averaging geht, lohnt ein kurzer Blick auf das, was die meisten ETF-Sparer bereits kennen: den Cost-Average-Effekt. Dabei wird über einen Sparplan jeden Monat derselbe Betrag investiert – unabhängig vom aktuellen Kursniveau. Das führt automatisch dazu, dass bei niedrigen Kursen mehr Anteile und bei hohen Kursen weniger Anteile gekauft werden, wodurch sich der durchschnittliche Einstandspreis glättet. Wie sich diese Strategie im Vergleich zur Einmalanlage schlägt, wurde bereits im Beitrag Sparplan oder Einmalanlage: Was lohnt sich mehr? ausführlich behandelt. Value Averaging setzt genau an dieser Stelle an – nicht als Ersatz für den Sparplan-Gedanken, sondern als eine konsequentere, in ihrer Wirkung verstärkte Variante davon: Während der Cost-Average-Effekt sich passiv aus einer festen Rate ergibt, wird bei Value Averaging aktiv gegen die Marktbewegung gesteuert.
Die Value-Averaging-Mechanik: Zielwert statt Zielrate
Der zentrale Unterschied lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Beim Cost-Average-Effekt ist die Einzahlung fix und der Depotwert das Ergebnis. Bei Value Averaging ist der Depotwert die vorgegebene Zielgröße, und die Einzahlung ergibt sich als Differenz.
Dazu legt man zu Beginn eine sogenannte Zielwertkurve (Value Path) fest – also welchen Wert das Depot am Ende von Monat 1, Monat 2, Monat 3 und so weiter erreichen soll. Diese Kurve ergibt sich aus einer gewünschten regelmäßigen Wertsteigerung plus einer angenommenen, nicht garantierten Wachstumsrate. Eine in der Literatur gebräuchliche Formel dafür lautet:
Zielwert im Monat *t*: V(t) = C × t × (1 + r)^t
Dabei ist *C* der geplante Wertzuwachs pro Periode (zum Beispiel 300 Euro) und *r* eine angenommene periodische Rendite. Viele vereinfachte Varianten verzichten auf den Renditeterm und arbeiten schlicht mit einer linearen Zielkurve, bei der der Zielwert jeden Monat um einen festen Betrag steigt – die Grundmechanik bleibt in beiden Fällen identisch.
In jeder Periode wird dann verglichen: Wie viel ist das Depot tatsächlich wert, und wie viel sollte es laut Zielkurve wert sein? Die Differenz ergibt die Einzahlung – oder, wenn das Depot über Plan liegt, die Entnahme:
Einzahlung/Entnahme in Periode *t* = Zielwert V(t) − tatsächlicher Depotwert vor der Transaktion
Liegt der tatsächliche Wert unter dem Ziel, weil die Kurse gefallen sind oder schwächer gestiegen sind als angenommen, wird die Differenz nachgeschossen. Liegt der tatsächliche Wert über dem Ziel, weil die Kurse stärker gestiegen sind als angenommen, wird nur ein kleinerer Betrag eingezahlt oder – wenn der Depotwert das Ziel bereits übertrifft – sogar ein Teil verkauft. Die Höhe der einzelnen Ein- oder Auszahlung ist damit nicht mehr frei wählbar, sondern eine reine Rechengröße, die sich erst am Ende jeder Periode ergibt.
Illustratives Rechenbeispiel (frei erfunden, keine Rendite-Prognose)
Die folgende Tabelle zeigt eine rein illustrative Beispielrechnung über acht Monate. Sie basiert auf frei gewählten, fiktiven Kursverläufen und dient ausschließlich dazu, die Mechanik zu veranschaulichen – sie ist kein Backtest realer Marktdaten und keine Renditeprognose. Zielkurve: 200 Euro Wertzuwachs pro Monat, linear, ohne zusätzlichen Renditeterm.
| Monat | Zielwert (Value Path) | Depotwert vor Transaktion* | Einzahlung (+) / Entnahme (−) | Depotwert danach |
|---|---|---|---|---|
| 1 | 200 € | 0 € | +200 € | 200 € |
| 2 | 400 € | 180 € (Kurse gefallen) | +220 € | 400 € |
| 3 | 600 € | 460 € (Kurse gefallen) | +140 € | 600 € |
| 4 | 800 € | 690 € (leicht gefallen) | +110 € | 800 € |
| 5 | 1.000 € | 980 € (leicht gestiegen) | +20 € | 1.000 € |
| 6 | 1.200 € | 1.380 € (Kursrally) | −180 € (Verkauf) | 1.200 € |
| 7 | 1.400 € | 1.310 € (Rücksetzer) | +90 € | 1.400 € |
| 8 | 1.600 € | 1.020 € (deutlicher Kursrückgang) | +580 € | 1.600 € |
*Depotwert vor Transaktion = Depotwert des Vormonats, verändert durch die angenommene Kursentwicklung dieses Monats, aber noch ohne die neue Ein- oder Auszahlung.
In den Monaten 2 bis 4 sorgt ein schwächerer Kursverlauf dafür, dass mehr eingezahlt wird als die planmäßigen 200 Euro – genau dann, wenn Anteile rechnerisch günstiger sind. In Monat 6 hat eine Kursrally den Depotwert bereits über die Zielkurve gehievt; um exakt bei 1.200 Euro zu landen, muss hier verkauft werden. Besonders aufschlussreich ist Monat 8: Ein deutlicherer Kursrückgang lässt den Depotwert unter die Zielkurve zurückfallen, sodass fast das Dreifache der planmäßigen Rate nachgeschossen werden müsste, um wieder exakt auf 1.600 Euro zu kommen. Genau dieser Effekt – ein plötzlich stark erhöhter Kapitalbedarf nach einem Kursrückgang – ist der Punkt, an dem Value Averaging in der Praxis am häufigsten an seine Grenzen stößt (siehe unten).
Value Averaging und Cost-Average-Effekt im direkten Vergleich
Um die Unterschiede greifbar zu machen, hilft ein direkter Vergleich der beiden Prinzipien:
- Steuergröße: Cost-Average-Effekt steuert die Einzahlung (fix). Value Averaging steuert den Depotwert (fix), die Einzahlung ist die Restgröße.
- Einzahlungshöhe: Beim Sparplan jeden Monat identisch. Bei Value Averaging von Periode zu Periode unterschiedlich, teils deutlich höher oder niedriger als geplant.
- Verkäufe: Beim klassischen Sparplan finden während der Ansparphase in der Regel keine Verkäufe statt. Bei Value Averaging sind Teilverkäufe nach starken Kursanstiegen ausdrücklich Teil der Strategie.
- Steuerliche Wirkung: Der Sparplan erzeugt während der Ansparphase üblicherweise keine Veräußerungsgewinne. Value Averaging kann bei jeder Entnahme eine Steuerpflicht auslösen.
- Automatisierung: Der Sparplan lässt sich bei nahezu jedem deutschen Broker vollautomatisch einrichten. Value Averaging erfordert in der Regel monatliche manuelle Berechnung und Orderaufgabe.
- Planbarkeit für den Haushalt: Der Sparplan lässt sich fest ins Monatsbudget einplanen. Value Averaging verlangt eine flexible Liquiditätsreserve für unvorhersehbare Nachschüsse.
Diese Gegenüberstellung zeigt: Value Averaging ist keine bloße Fußnote zum Cost-Average-Effekt, sondern verändert das Grundprinzip der Sparstrategie an mehreren Stellen gleichzeitig – mit spürbaren Konsequenzen für Planbarkeit, Steuerlast und Umsetzbarkeit im Alltag.
Was für Value Averaging spricht – und was die Forschung relativiert
Die These hinter Value Averaging klingt zunächst bestechend: Weil automatisch mehr gekauft wird, wenn Kurse fallen, und weniger (oder gar nichts), wenn sie stark steigen, sollte der durchschnittliche Einstandspreis noch günstiger ausfallen als beim klassischen Cost-Average-Effekt. Edleson selbst argumentierte in seinem Buch, dass diese verstärkte antizyklische Wirkung im Rückblick zu höheren Renditekennzahlen führen kann, gemessen am internen Zinsfuß (IRR) der jeweiligen Zahlungsströme. Diese Betrachtung machte die Strategie in den 1990er-Jahren zwischenzeitlich populär, auch wenn sie in Deutschland nie annähernd die Bekanntheit des klassischen Sparplans erreichte.
Spätere akademische Forschung hat diesen vermeintlichen Vorteil allerdings deutlich relativiert. Eine Analyse von Simon Hayley (Bayes Business School, vormals Cass Business School) zeigt, dass ein Großteil des in frühen Studien berichteten Renditevorteils von Value Averaging methodisch bedingt ist: Der interne Zinsfuß reagiert systematisch positiv auf Strategien, die – wie Value Averaging – die Höhe zusätzlicher Investitionen an die bisher erzielte Rendite koppeln, was die Kennzahl in der Rückschau begünstigt, ohne dass real ein ökonomischer Mehrwert entsteht. Bei einer risikoadjustierten Betrachtung über die Sharpe Ratio schneidet Value Averaging der Studie zufolge gegenüber einer einfachen Einmalanlage in den meisten untersuchten Anlageklassen – großen US-Aktien, Unternehmensanleihen, Staatsanleihen – schlechter ab; einen Vorteil ergab sich nur bei kleineren US-Nebenwerten. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass Value Averaging keine systematisch höheren Gewinne erzeugt und mit einer gewissen dynamischen Ineffizienz verbunden ist: Wer die verhaltensökonomischen Vorzüge einer antizyklischen Strategie nutzen möchte, sei mit dem einfacheren Cost-Average-Effekt oft ähnlich gut bedient, da Value Averaging durch seine unvorhersehbaren Zahlungsströme zusätzliche direkte und indirekte Kosten verursacht.
Das heißt nicht, dass die Grundidee falsch ist – antizyklisches Nachkaufen bei fallenden Kursen ist ein nachvollziehbares Prinzip, das in abgeschwächter Form auch beim Rebalancing zwischen verschiedenen Anlageklassen eine Rolle spielt: Auch dort werden unterrepräsentierte, gefallene Positionen aufgestockt und übergewichtete, gestiegene Positionen reduziert. Wie sich die tatsächlich erzielte Rendite einer Strategie überhaupt sauber berechnen und einordnen lässt, erklärt der Beitrag Wie berechnet man die Rendite? Die Formel erklärt – ein hilfreicher Hintergrund, um Renditeversprechen rund um Value Averaging kritisch einzuordnen. Festzuhalten bleibt: Der oft kolportierte Vergleich „Value Averaging schlägt den Cost-Average-Effekt automatisch" lässt sich anhand der vorliegenden Forschung so pauschal nicht bestätigen.
Die praktischen Nachteile: Warum sich Value Averaging kaum durchgesetzt hat
Neben der akademischen Einordnung gibt es eine Reihe sehr praktischer Gründe, warum Value Averaging im Alltag von Privatanlegern kaum vorkommt.
1. Unvorhersehbare Einzahlungshöhe. Wer ein festes Monatsbudget für die Geldanlage einplant, kann mit Value Averaging schlecht planen: Mal sind es 50 Euro, mal mehrere Hundert Euro, je nachdem, wie sich der Markt entwickelt hat. Das passt schwer zu einem Haushaltsbudget, das jeden Monat gleich hoch ausfallen soll. Wer stattdessen eine feste, realistisch bemessene monatliche Rate bevorzugt, findet im Beitrag Wie berechne ich meine Sparrate? einen Ansatz, der sich unabhängig von der Kursentwicklung konsequent durchhalten lässt.
2. Große Nachschüsse nach einem Kurseinbruch. Fällt der Markt über mehrere Monate deutlich, kann die notwendige Einzahlung, um die Zielkurve zu halten, wie im Rechenbeispiel oben schnell ein Vielfaches der ursprünglich geplanten Rate erreichen. Genau in dieser Situation – wenn Liquidität ohnehin oft knapper ist und Kurse gefallen sind – verlangt die Strategie den größten Kapitaleinsatz. Das ist ein in der Literatur gut dokumentierter Kritikpunkt, der in englischsprachigen Quellen häufig als „liquidity problem" der Strategie bezeichnet wird: Value Averaging funktioniert nur, wenn tatsächlich ausreichend Kapitalreserven bereitstehen, um solche „Catch-up"-Nachschüsse leisten zu können. Zur Einordnung, rein illustrativ und ohne Bezug zu realen Marktdaten: Läge ein nach obigem Beispiel auf 1.600 Euro geplantes Depot nach einem stärkeren, mehrmonatigen Kursrückgang statt bei 1.020 Euro etwa bei 800 Euro, müsste allein in diesem einen Monat mit 800 Euro das Vierfache der planmäßigen 200-Euro-Rate nachgeschossen werden – Geld, das zu diesem Zeitpunkt oft nicht ohne Weiteres verfügbar ist. Wer diese Reserve nicht hat, kann die Zielkurve schlicht nicht einhalten und muss die Strategie entweder aussetzen oder mit einer geringeren Einzahlung fortführen, wodurch der eigentliche Kernmechanismus verwässert wird.
3. Verkäufe nach Kursrallys – und damit Steuerpflicht. Liegt der Depotwert über der Zielkurve, sieht die Mechanik vor, Anteile zu verkaufen. Bei ETFs oder Fonds außerhalb bestimmter steuerlich begünstigter Konstellationen löst ein Verkauf mit Gewinn in Deutschland grundsätzlich einen steuerpflichtigen Veräußerungsgewinn aus, der der Abgeltungssteuer zuzüglich Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer unterliegt. Wer strikt nach Plan verkauft, realisiert also unter Umständen genau in dem Moment eine Steuerlast, in dem er eigentlich nur „auf Kurs bleiben" wollte – ein Aspekt, der bei einer reinen Rendite-Betrachtung leicht übersehen wird und die tatsächliche Nettorendite gegenüber einer einfachen Buy-and-Hold-Strategie schmälern kann.
4. Kaum automatisierbar. Ein klassischer ETF-Sparplan lässt sich bei praktisch jedem deutschen Broker oder jeder Depotbank mit wenigen Klicks als Dauerauftrag einrichten und läuft danach automatisch, ohne dass monatlich etwas nachgerechnet werden muss. Value Averaging erfordert dagegen jeden Monat eine manuelle Berechnung des aktuellen Depotwerts, einen Abgleich mit der Zielkurve und eine individuelle Order – sei es eine Einzahlung in unterschiedlicher Höhe oder ein Verkauf. Eine native Value-Averaging-Ausführung, bei der Broker die Berechnung und Order automatisch übernehmen, bieten deutsche Anbieter in aller Regel nicht an.
5. Disziplin- und Rechenaufwand. Wer die Strategie konsequent durchziehen will, muss jeden Monat selbst rechnen oder eine Tabelle pflegen, die Zielkurve im Blick behalten und auch dann verkaufen, wenn sich das nach einer guten Börsenphase falsch anfühlt – psychologisch für viele schwerer als schlicht weiterzukaufen. Gerade dieser manuelle, wiederkehrende Aufwand ist ein Hauptgrund, warum sich Value Averaging trotz seiner theoretisch nachvollziehbaren Logik nie gegen den simplen, automatisierten Sparplan durchsetzen konnte.
Für wen kommt Value Averaging infrage — und für wen eher nicht
Eher geeignet für Anleger, die
- bereits Erfahrung mit ETF-Sparplänen und dem Cost-Average-Effekt haben und die Mechanik von Zielwertkurven grundsätzlich verstehen und nachvollziehen wollen,
- über ausreichend liquide Reserven verfügen, um auch nach einem Kurseinbruch spürbar höhere Nachschüsse leisten zu können, ohne dafür kurzfristig andere Positionen auflösen zu müssen,
- Freude an einer aktiveren, rechnerisch begleiteten Anlagestrategie haben und bereit sind, jeden Monat Zeit für die Berechnung aufzuwenden,
- steuerliche Konsequenzen gelegentlicher Verkäufe im Blick behalten, einplanen und in der eigenen Steuererklärung sauber dokumentieren können.
Eher ungeeignet für Anleger, die
- ein festes monatliches Budget haben und auf gleichbleibende, gut planbare Raten angewiesen sind,
- einen möglichst automatisierten „Fire and forget"-Sparplan bevorzugen, der ohne monatliches Zutun läuft,
- keine Kapitalreserve für unerwartet hohe Nachschüsse in schwachen Marktphasen vorhalten können,
- Verkäufe und die damit verbundene Steuerlast vermeiden möchten, solange kein konkreter Kapitalbedarf besteht,
- bereits mit einem einfachen, breit gestreuten ETF-Sparplan zufrieden sind und keinen zusätzlichen Verwaltungsaufwand wollen. Wie viele ETFs für eine solide Streuung tatsächlich nötig sind, zeigt der Beitrag Wie viele ETFs braucht ein Portfolio wirklich?.
Für die meisten Privatanleger, die regelmäßig einen bestimmten Betrag vom Gehalt investieren möchten, bleibt ein klassischer, automatisierter ETF-Sparplan die pragmatischere Wahl – nicht zuletzt, weil er sich unkompliziert an ein festes Budget koppeln lässt und keine monatliche Neuberechnung erfordert.
Häufige Fehler
- Zu ambitionierte Zielrate wählen. Wird bei der Zielkurve eine unrealistisch hohe erwartete Rendite unterstellt, bleibt das Depot chronisch hinter dem Ziel zurück, und die geforderten Nachschüsse werden dauerhaft größer als ursprünglich geplant.
- Steuerliche Konsequenzen von Verkäufen ignorieren. Wer die Abgeltungssteuer auf realisierte Gewinne bei den nötigen „Entnahme-Perioden" nicht einkalkuliert, wird von der tatsächlichen Nettosumme überrascht, die nach einem Verkauf übrig bleibt.
- Den Plan nach einem großen Nachschussbedarf abbrechen. Gerade nach einem stärkeren Kursrückgang, wenn die geforderte Einzahlung besonders hoch ausfällt, brechen viele Anleger die Strategie genau in diesem Moment ab – just dann, wenn die antizyklische Wirkung am stärksten greifen würde.
- Keine Liquiditätsreserve einplanen. Ohne Rücklage für überdurchschnittlich hohe Monate lässt sich die Strategie in schwachen Marktphasen schlicht nicht durchhalten, weil das nötige Kapital dann fehlt.
- Die Zielkurve mit einem garantierten Ergebnis verwechseln. Die Zielwertkurve ist eine Rechengröße, kein Versprechen – sie sagt nichts darüber aus, welche Rendite tatsächlich erzielt wird, und ersetzt keine realistische Erwartungshaltung an die Marktentwicklung.
- Die Formel unreflektiert übernehmen. Wer den Renditeterm r der Zielkurve zu optimistisch wählt oder die Berechnung nicht regelmäßig überprüft, verschärft mit der Zeit genau die Nachschussproblematik, die die Strategie ohnehin mit sich bringt.
Fazit
Value Averaging ist eine konzeptionell interessante Weiterentwicklung des Cost-Average-Gedankens: Statt einer festen Sparrate wird eine Zielwertkurve für das gesamte Depot vorgegeben, und die Einzahlung oder Entnahme ergibt sich automatisch aus der Abweichung von dieser Kurve. Das verstärkt den antizyklischen Effekt spürbar – mehr kaufen, wenn Kurse fallen, weniger oder gar verkaufen, wenn sie stark steigen. Genau darin liegt aber auch das praktische Problem: unvorhersehbare, teils sehr hohe Einzahlungen nach Kursrückgängen, erzwungene Verkäufe mit steuerlichen Folgen nach Kursrallys, und eine Umsetzung, die sich bei deutschen Brokern kaum automatisieren lässt. Akademische Untersuchungen relativieren zudem den oft behaupteten Renditevorteil gegenüber einer einfachen Einmalanlage oder einem klassischen Sparplan.
Für die meisten Anleger mit einem festen monatlichen Budget bleibt daher ein klassischer, automatisierter ETF-Sparplan die praktikablere Lösung. Wer die eigene Sparrate zunächst simulieren möchte, kann das direkt im Sparplan-Rechner tun; wer stattdessen ein konkretes Vermögensziel verfolgt – etwa die Frage, wie sich eine Million Euro ansparen lässt –, findet dazu ergänzende Hintergründe und Rechenwege. Value Averaging kann als gedankliches Werkzeug hilfreich sein, um die eigene Reaktion auf Marktschwankungen zu reflektieren; als dauerhafte, planbare Sparstrategie für den regelmäßigen Vermögensaufbau eignet es sich für die meisten Privatanleger nur eingeschränkt.
*Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung, keine Finanzberatung und keine Empfehlung einer konkreten Anlagestrategie dar. Die gezeigte Beispielrechnung ist frei erfunden und kein Backtest realer Marktdaten. Wertentwicklungen der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse; es besteht keine Garantie für eine bestimmte Rendite oder einen bestimmten Anlageerfolg. Bei steuerlichen und individuellen Anlagefragen empfiehlt sich die Rücksprache mit einem Steuerberater beziehungsweise einer unabhängigen Finanzberatung.*
Häufige Fragen
Ist Value Averaging dasselbe wie Rebalancing?
Nein, auch wenn beide Konzepte eine Zielgröße verfolgen. Rebalancing stellt eine bereits festgelegte Aufteilung zwischen verschiedenen Anlageklassen wieder her, ohne dabei zwangsläufig neues Kapital zuzuführen. Value Averaging steuert dagegen die absolute Wertentwicklung eines einzelnen Portfolios über die Zeit und bringt dafür in der Regel laufend neues Kapital ein oder entnimmt es.
Kann ich Value Averaging mit einem normalen ETF-Sparplan umsetzen?
Nicht direkt automatisiert. Ein Sparplan führt bei den meisten Brokern nur gleichbleibende, im Voraus festgelegte Beträge aus. Für Value Averaging müsste man die Sparrate jeden Monat manuell anpassen oder zusätzliche Einzelorders inklusive gelegentlicher Verkäufe aufgeben, da eine native Value-Averaging-Order bei deutschen Depotanbietern in aller Regel nicht existiert.
Warum kann Value Averaging plötzlich sehr hohe Einzahlungen verlangen?
Weil die Einzahlung als Differenz zwischen Zielwert und tatsächlichem Depotwert berechnet wird. Je stärker die Kurse gefallen sind, desto größer diese Lücke – und desto höher die geforderte Nachzahlung, um wieder auf die geplante Zielkurve zu kommen. Nach längeren Kursrückgängen kann diese Nachzahlung ein Vielfaches der ursprünglich geplanten Rate betragen.
Muss ich bei Value Averaging wirklich Anteile verkaufen?
Ja, das gehört zur Mechanik: Übertrifft der Depotwert die Zielkurve deutlich, sieht die Strategie eine Entnahme beziehungsweise einen Teilverkauf vor. Das kann in Deutschland einen steuerpflichtigen Veräußerungsgewinn auslösen, der der Abgeltungssteuer unterliegt.
Ist die höhere Rendite von Value Averaging wissenschaftlich belegt?
Das ist umstritten. Ursprünglich zeigte Michael Edleson in seinen Arbeiten aus den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren Vorteile anhand des internen Zinsfußes. Spätere akademische Untersuchungen weisen jedoch darauf hin, dass ein Teil dieses scheinbaren Vorteils methodisch bedingt ist und dass Value Averaging bei risikoadjustierter Betrachtung über die Sharpe Ratio gegenüber einer Einmalanlage in den meisten untersuchten Anlageklassen nicht besser abschneidet.
Eignet sich Value Averaging für den Vermögensaufbau mit einem festen Sparbetrag pro Monat?
Eher nicht gut, da die Strategie bewusst von einem festen Betrag abweicht. Wer Wert auf Planbarkeit legt und ein festes Haushaltsbudget einhalten möchte, ist mit einem klassischen Sparplan und einer festen, realistisch bemessenen Rate meist besser bedient.
Wie viel Kapitalreserve sollte ich für Value Averaging einplanen?
Eine allgemeingültige Zahl gibt es nicht, da sie von der gewählten Zielkurve und der Marktentwicklung abhängt. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass nach längeren Kursrückgängen deutlich höhere Nachschüsse als die durchschnittlich geplante Rate anfallen können, und entsprechend Liquidität vorzuhalten, bevor man mit der Strategie beginnt.