Einzelaktien oder ETF: Für wen sich Stock-Picking wirklich lohnt
12. Juli 2026 · Lesezeit ca. 10 Min. · Redaktion: RenditeRadar
Einzelaktien versprechen Kontrolle und Mitspracherecht, ETFs breite Streuung. Ein Blick auf Diversifikations-Mathematik, Studienlage, Kosten und Steuern hilft bei der Einordnung.
Die Frage hinter der ETF-Diskussion
Wer sich mit dem Aufbau eines Depots beschäftigt, ist der Grundidee eines ETFs meist schon begegnet – falls nicht, lohnt sich zuerst ein Blick in den Einstieg ETF für Anfänger. Die eigentlich interessante Entscheidung liegt eine Ebene tiefer: Reicht ein breiter, passiver Indexfonds, oder lohnt es sich, einzelne Aktien selbst auszuwählen und gezielt auf bestimmte Unternehmen zu setzen?
Beide Wege sind legitim, und keiner ist per se „richtig" oder „falsch". Dieser Artikel ist keine Anlageberatung und ersetzt keine individuelle Beratung – er ordnet lediglich ein, was Diversifikations-Mathematik, verfügbare Studien und die Kosten- und Steuerlogik zu der Frage sagen, und zeigt, unter welchen Umständen Einzelaktien als Ergänzung überhaupt sinnvoll diskutiert werden.
Diversifikation in Zahlen: Wie viele Aktien braucht ein Depot wirklich?
Der zentrale statistische Unterschied zwischen einem Einzelaktien-Depot und einem breiten Indexfonds ist die Anzahl der gehaltenen Unternehmen. Ein MSCI-World-ETF bildet aktuell rund 1.300 Unternehmen aus 23 Industrieländern ab, ein FTSE-All-World-ETF kommt inklusive Schwellenländern auf etwa 4.300 Positionen (Unterschiede und Details dazu im Vergleich MSCI World vs. FTSE All-World). Ein selbst zusammengestelltes Depot besteht in der Praxis dagegen häufig aus 5, 10 oder 20 Titeln.
Das Risiko einer Aktie lässt sich grob in zwei Bestandteile zerlegen: das systematische Risiko (Markt- bzw. Konjunkturrisiko, das jede Aktie in unterschiedlichem Maß betrifft und sich nicht wegdiversifizieren lässt) und das unsystematische Risiko (unternehmensspezifische Risiken wie ein Bilanzskandal, ein gescheiterter Produktlaunch oder ein Managementwechsel – siehe auch Risiko im Glossar). Nur der zweite Teil lässt sich durch Streuung reduzieren.
Wie stark, lässt sich mit einem vereinfachten, aber gängigen Modell aus der Portfoliotheorie illustrieren. Für ein Depot aus n gleich gewichteten Aktien mit einer angenommenen Einzelvolatilität von 30 % pro Jahr (siehe Volatilität) und einer durchschnittlichen Korrelation der Aktien untereinander von 0,2 ergibt sich folgendes Bild:
| Anzahl Aktien im Depot | geschätzte Portfolio-Volatilität p. a. |
|---|---|
| 1 | 30,0 % |
| 5 | 18,0 % |
| 10 | 15,9 % |
| 20 | 14,7 % |
| 30 | 14,3 % |
| 100 | 13,7 % |
| ~1.300 (MSCI World) | ~13,4 % |
| ~4.300 (FTSE All-World) | ~13,4 % (zzgl. Diversifikation über mehr Länder/Sektoren) |
Diese Zahlen sind eine illustrative Modellrechnung auf Basis typischer Annahmen, keine Prognose für ein konkretes Depot – reale Werte hängen von den gewählten Aktien, deren tatsächlicher Korrelation und dem Betrachtungszeitraum ab. Der Grundmechanismus ist in der Kapitalmarktforschung aber gut belegt: Ein großer Teil des unternehmensspezifischen Risikos ist bereits mit 20 bis 30 sorgfältig über Branchen und Länder gestreuten Titeln eliminiert, danach flacht der Diversifikationseffekt spürbar ab. Wichtig ist dabei die Einschränkung, die auch in der einschlägigen Literatur betont wird: Die Faustregel von 15 bis 30 Titeln gilt für eine Streuung innerhalb eines Marktes oder einer Branche – wer 20 Aktien aus derselben Branche oder demselben Land hält, ist trotz „ausreichender" Stückzahl konzentriert. Ein Restrisiko – das systematische Marktrisiko – bleibt in jedem Fall bestehen, auch bei einem 4.300-Positionen-ETF (mehr dazu in ETF-Risiken sowie im Grundlagentext zu Diversifikation).
Für die Praxis heißt das: Ein Depot mit 5 bis 10 Einzeltiteln trägt ein spürbares Klumpenrisiko gegenüber einzelnen Unternehmensereignissen – ein einzelner Gewinnwarnung- oder Skandalfall kann das Gesamtdepot in einem Umfang belasten, der in einem breiten Index durch Tausende andere Positionen abgefedert wird.
Was die verfügbare Forschung über Stock-Picking zeigt
Zwei unterschiedliche, aber verwandte Fragen lassen sich empirisch angehen: Wie gut schlagen sich professionelle, aktiv gemanagte Fonds gegenüber ihrem Vergleichsindex? Und wie gut schneiden Privatanleger ab, die selbst Aktien auswählen und handeln?
Zur ersten Frage liefert der SPIVA-Scorecard von S&P Dow Jones Indices regelmäßig Daten. Im europäischen SPIVA-Report für das erste Halbjahr 2025 lagen 61 % der aktiv gemanagten Aktienfonds im Sample unter ihrem jeweiligen Kategorie-Vergleichsindex – über sechs Monate bis Ende Juni 2025. Über längere Zeiträume fällt der Befund noch deutlicher aus: Im US-amerikanischen SPIVA-Scorecard für das Jahr 2024 lagen über 15 Jahre 89,5 % der aktiven US-Large-Cap-Fonds hinter dem S&P 500 zurück – in keiner der betrachteten Kategorien schlug über diesen Zeitraum eine Mehrheit der aktiven Manager ihren Vergleichsindex. Das sind Ergebnisse von Fondsmanagern mit Researchteams, Marktzugang und hauptberuflicher Beschäftigung mit der Aktienauswahl – ein relevanter Referenzpunkt für die Frage, wie realistisch es für Privatanleger ist, dauerhaft besser abzuschneiden als ein breiter Index.
Zur zweiten Frage – wie Privatanleger selbst abschneiden – ist die vielzitierte Studie „Trading Is Hazardous to Your Wealth" von Brad Barber und Terrance Odean (Journal of Finance, 2000) eine der am besten dokumentierten Untersuchungen. Barber und Odean werteten die Depots von 66.465 US-Haushalten bei einem Discount-Broker zwischen 1991 und 1996 aus. Ergebnis: Der durchschnittliche Haushalt erzielte eine Rendite von 16,4 % p. a. gegenüber 17,9 % p. a. für den Gesamtmarkt – ein Rückstand von rund 1,5 Prozentpunkten. Bei dem Fünftel der Haushalte mit der höchsten Handelsaktivität (durchschnittlich rund 75 % Portfolioumschlag pro Jahr) fiel der Rückstand deutlich größer aus: 11,4 % p. a. gegenüber 17,9 % p. a. für den Markt, ein Abstand von etwa 6,5 Prozentpunkten pro Jahr. Als Haupttreiber identifizierten die Autoren Transaktionskosten und Overconfidence-getriebenes Übertraden, nicht mangelndes Aktienwissen an sich.
Zur Einordnung: Diese Studie bezieht sich auf US-Haushalte in den 1990er-Jahren mit den damaligen Handelskosten – die absoluten Prozentwerte lassen sich nicht unverändert auf heutige Anleger mit Nullprovisionen übertragen. Die Grundrichtung des Befunds – häufigeres Handeln korreliert mit schlechterer Nettorendite gegenüber dem Markt – wurde jedoch in zahlreichen Folgestudien mit anderen Datensätzen und Zeiträumen repliziert, weshalb sie als ein robuster Befund der Verhaltensökonomie gilt. Eine seriöse, in sich konsistente Einzelstatistik dafür, wie viel Prozentpunkte Rendite ein durchschnittlicher heutiger Privatanleger mit Einzelaktien gegenüber einem MSCI-World- oder FTSE-All-World-ETF verliert, existiert nach aktuellem Kenntnisstand nicht – zu unterschiedlich sind Anlegerprofile, Zeiträume und Kostenstrukturen. Wer hierzu eine exakte, aktuelle Zahl sucht, sollte diese Einschränkung im Hinterkopf behalten (mehr zum grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Risiko und erwarteter Rendite: Risiko und Rendite).
Kosten und Steuern: der unterschätzte Unterschied
Neben der reinen Wertentwicklung unterscheiden sich Einzelaktien-Depots und ETF-Sparpläne strukturell in der Kosten- und Steuerlogik:
- Ordergebühren: Ein Depot mit 15 bis 30 Einzeltiteln erzeugt bei Aufbau, Nachkäufen und gelegentlichem Umschichten deutlich mehr Einzeltransaktionen als ein oder zwei ETF-Sparplanausführungen im Monat. Jede Order kostet – auch bei günstigen Neobrokern meist nicht null (ein Überblick zu den Unterschieden: Depotgebühren).
- Steuerliche Ereignisse: Bei Einzelaktien löst jeder Verkauf eines Gewinnpapiers sofort die Abgeltungssteuer auf den realisierten Kursgewinn aus (zzgl. Soli und ggf. Kirchensteuer). Wer eine Position umschichtet, realisiert damit einen Steuerabfluss, der dem Kapital nicht mehr für den Zinseszinseffekt zur Verfügung steht.
- Interne Indexanpassungen bei ETFs: Wenn sich die Zusammensetzung eines Index ändert (z. B. ein Unternehmen fällt aus dem MSCI World, ein anderes rückt nach), geschieht das auf Fondsebene – ohne dass Anlegerinnen und Anleger dadurch selbst einen steuerpflichtigen Verkauf auslösen. Dieser Mechanismus ist ein struktureller, oft unterschätzter Vorteil passiver Fonds gegenüber selbst gemanagten Einzeldepots.
- Klumpenrisiko als Kostenfaktor zweiter Ordnung: Ein konzentriertes Depot kann in einer Verlustphase eines einzelnen Titels einen überproportionalen Wertverlust erleiden, der sich nicht mit einer TER-Zahl, sondern erst im Risiko-Ertrags-Profil des Gesamtdepots zeigt.
Dem steht bei ETFs die laufende Verwaltungsgebühr (TER) gegenüber, die bei breiten Standardindizes inzwischen häufig im niedrigen Zehntelprozentbereich pro Jahr liegt und die einzige laufende Kostenkomponente ist – ohne zusätzliche Transaktionskosten für die interne Umschichtung.
Psychologie: Warum Einzelaktien-Anleger oft anders handeln, als sie planen
Ein großer Teil der empirisch dokumentierten Renditelücke bei Privatanlegern lässt sich nicht mit fehlendem Wissen erklären, sondern mit systematischen Verhaltensmustern:
- Overconfidence (Selbstüberschätzung): Anleger neigen dazu, die eigene Analysefähigkeit und die Qualität eigener Informationen zu überschätzen – ein zentraler Erklärungsansatz in der Barber/Odean-Forschung für übermäßiges Handeln.
- Home Bias: Viele Privatanleger übergewichten Aktien aus dem eigenen Land oder aus Branchen, die ihnen aus dem Berufsalltag vertraut sind – das reduziert die tatsächliche geografische und sektorale Streuung, selbst wenn nominell „diversifiziert" wirkt.
- Recency Bias: Aktien, die zuletzt stark gestiegen sind, wirken attraktiver, unabhängig davon, ob das für die Zukunft aussagekräftig ist – das begünstigt prozyklisches Kaufen und Verkaufen.
- Disposition-Effekt: Verlustpositionen werden tendenziell zu lange gehalten („es wird schon wieder"), Gewinnpositionen dagegen zu früh verkauft – beides kann die Rendite gegenüber einem passiven Halten schmälern.
Diese Muster betreffen im Prinzip auch ETF-Sparer (etwa beim Timing von Ein- und Ausstiegen), wirken sich bei Einzelaktien wegen der höheren Zahl an Einzelentscheidungen und der stärkeren emotionalen Bindung an „eigene" Unternehmensanalysen aber tendenziell stärker aus.
Die berechtigten Argumente für Einzelaktien
Trotz der genannten Punkte ist Stock-Picking kein irrationales Hobby – es gibt nachvollziehbare, legitime Gründe, die für Einzelaktien sprechen:
- Kontrolle und Individualisierung: Wer gezielt bestimmte Unternehmen, Branchen oder Geschäftsmodelle im Depot haben – oder bewusst ausschließen – möchte, kann das mit Einzelaktien präziser umsetzen als mit einem breiten Index.
- Keine laufende TER: Einzelaktien haben keine jährliche Fondsgebühr; die Kosten fallen punktuell beim Kauf/Verkauf an, nicht laufend prozentual auf das Gesamtvermögen.
- Direkter Dividendenerhalt: Dividenden fließen direkt und nachvollziehbar zu, ohne den „Umweg" über die Fondsausschüttungspraxis.
- Interesse und Lerneffekt: Sich mit Geschäftsberichten, Bilanzen und Geschäftsmodellen zu beschäftigen, hat für manche Anleger einen eigenständigen Wert – als Interessengebiet, nicht nur als Renditequelle.
- Kein Fondsmanagement-Risiko: Wer aktiv gemanagte Fonds statt ETFs als Alternative betrachtet, umgeht bei Einzelaktien zusätzlich das Risiko eines schlecht agierenden Fondsmanagements.
Stock-Picking vs. ETF im Überblick
| Kriterium | Einzelaktien (typisches Depot, 10–20 Titel) | Breiter ETF (z. B. MSCI World / FTSE All-World) |
|---|---|---|
| Diversifikation | Unternehmensspezifisches Risiko bleibt teilweise bestehen | Unternehmensspezifisches Risiko weitgehend eliminiert |
| Zeitaufwand | Laufende Recherche, Beobachtung, Entscheidungen | Sehr gering nach Einrichtung des Sparplans |
| Laufende Kosten | Keine TER, aber Ordergebühren bei jeder Transaktion | Niedrige TER, meist wenige Transaktionen pro Jahr |
| Steuerliche Ereignisse | Bei jedem Verkauf eines Gewinnpapiers | Interne Indexanpassungen lösen i. d. R. keine Anlegersteuer aus |
| Klumpenrisiko | Höher, abhängig von Anzahl und Streuung der Titel | Sehr gering bei breiten Standardindizes |
| Kontrolle/Individualisierung | Hoch – gezielte Auswahl/Ausschluss möglich | Gering – Zusammensetzung folgt dem Index |
| Historische Evidenz (aktives Stock-Picking vs. Markt) | Mehrheit der aktiven Fondsmanager und häufig handelnden Privatanleger lag laut SPIVA- bzw. Barber/Odean-Daten hinter dem Marktdurchschnitt | Bildet die Marktrendite abzüglich TER ab |
| Psychologische Fallstricke | Overconfidence, Home Bias, Recency Bias wirken stärker | Geringer, aber nicht ausgeschlossen (z. B. Timing-Versuche) |
Für wen sich ein Blick auf Einzelaktien trotzdem lohnen kann
Die Diskussion muss kein Entweder-oder sein. In der Praxis verfolgen viele Anleger einen Core-Satellite-Ansatz: Der überwiegende Teil des Depots („Core") liegt in einem oder wenigen breiten, passiven ETFs, während ein kleinerer, klar begrenzter Anteil („Satellite") für Einzelaktien oder andere gezielte Wetten reserviert ist. Dieser Ansatz begrenzt das Klumpenrisiko auf den Satellite-Anteil, während der Kern des Vermögens von der breiten Diversifikation profitiert. Wer einen Einstieg in den passiven Kern sucht, findet Grundlagen dazu unter Passiv investieren und zum laufenden Nachjustieren der Gewichtung unter Rebalancing.
Ein Blick auf Einzelaktien kann insbesondere für Anleger nachvollziehbar sein, die:
- bereits eine solide, breit gestreute Kernanlage aufgebaut haben und einen begrenzten, klar definierten Anteil des Gesamtvermögens (in der Praxis oft einstellige bis niedrige zweistellige Prozentanteile) für gezielte Einzelentscheidungen reservieren wollen,
- ein echtes, dauerhaftes Interesse an Unternehmensanalyse mitbringen und dieses als Teil ihrer Anlagestrategie explizit einplanen, statt es kurzfristig auszuprobieren,
- bereit sind, den zusätzlichen Zeitaufwand, die steuerlichen Konsequenzen und das höhere Einzeltitelrisiko bewusst zu tragen, ohne dass ein Fehlschlag den Kernvermögensaufbau gefährdet,
- gezielt bestimmte Unternehmen oder Branchen aus persönlichen, ethischen oder strategischen Gründen ein- oder ausschließen möchten, was über einen Standardindex nicht abbildbar ist.
Wer dagegen primär eine möglichst breite Streuung mit geringem Zeitaufwand sucht, für den bleibt ein passiver Indexansatz der methodisch nähere Weg zur Marktrendite – auch das ist keine pauschale Empfehlung, sondern eine Frage der persönlichen Ziele, des Zeithorizonts und der Risikotragfähigkeit.
Fazit
Diversifikations-Mathematik, SPIVA-Daten zu aktiv gemanagten Fonds und die Verhaltensforschung zu Privatanlegern zeichnen ein konsistentes Bild: Konzentrierte Einzelaktien-Depots tragen strukturell mehr unternehmensspezifisches Risiko, mehr Transaktions- und Steuerereignisse und sind anfälliger für verhaltensbedingte Renditeeinbußen als breite, passive Indexfonds. Gleichzeitig sind die Argumente für Einzelaktien – Kontrolle, keine laufende TER, direkter Dividendenerhalt, persönliches Interesse – nicht von der Hand zu weisen und können im Rahmen eines begrenzten Satellite-Anteils neben einem passiven Kern eine nachvollziehbare Ergänzung sein.
Dieser Beitrag liefert allgemeine Informationen und stellt öffentlich verfügbare Forschungsergebnisse dar – er ist keine Anlageberatung, keine Anlageempfehlung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf bestimmter Wertpapiere. Historische Daten und Studienergebnisse sind kein Hinweis auf zukünftige Entwicklungen; jede Anlageentscheidung sollte auf Basis der eigenen finanziellen Situation, Ziele und Risikotragfähigkeit getroffen werden, bei Bedarf mit Unterstützung einer unabhängigen, qualifizierten Beratung.
Häufige Fragen
Sind Einzelaktien riskanter als ETFs?
Ein Depot aus wenigen Einzelaktien trägt in der Regel mehr unternehmensspezifisches Risiko als ein breiter ETF, weil einzelne Unternehmensereignisse (z. B. eine Gewinnwarnung) das Gesamtdepot stärker beeinflussen können. Ein breiter Index wie MSCI World oder FTSE All-World streut dieses Risiko auf 1.300 bis 4.300 Unternehmen. Das systematische Marktrisiko bleibt in beiden Fällen bestehen.
Wie viele Einzelaktien braucht man für eine ausreichende Diversifikation?
Nach gängigen Modellen der Portfoliotheorie lässt sich ein großer Teil des unternehmensspezifischen Risikos mit rund 20 bis 30 sorgfältig über Branchen und Länder gestreuten Titeln reduzieren, danach flacht der Effekt deutlich ab. Wichtig: Diese Faustregel gilt pro Markt bzw. Branche – 20 Aktien aus derselben Branche sind trotz der Stückzahl konzentriert.
Schneiden Privatanleger mit Einzelaktien schlechter ab als der Markt?
Die vielzitierte Studie von Barber und Odean (2000) zu 66.465 US-Haushalten fand einen durchschnittlichen Renditerückstand von rund 1,5 Prozentpunkten pro Jahr gegenüber dem Markt, bei den am aktivsten handelnden Haushalten sogar rund 6,5 Prozentpunkten. Die absoluten Werte stammen aus den 1990er-Jahren und lassen sich nicht unverändert auf heute übertragen, die Grundtendenz – häufigeres Handeln korreliert mit schlechterer Nettorendite – gilt aber als robuster Befund.
Was sagt die SPIVA-Scorecard über aktives Fondsmanagement aus?
Die SPIVA-Scorecards von S&P Dow Jones Indices zeigen regelmäßig, dass ein Großteil aktiv gemanagter Fonds ihren Vergleichsindex nicht schlägt. Im europäischen SPIVA-Report lagen im ersten Halbjahr 2025 rund 61 % der aktiven Aktienfonds hinter ihrem Kategorie-Index, im US-Report für 2024 lagen über 15 Jahre rund 89,5 % der aktiven US-Large-Cap-Fonds hinter dem S&P 500.
Welche steuerlichen Unterschiede gibt es zwischen Einzelaktien und ETFs?
Bei Einzelaktien löst jeder Verkauf eines Gewinnpapiers sofort die Abgeltungssteuer auf den realisierten Kursgewinn aus. Bei ETFs werden Änderungen der Indexzusammensetzung auf Fondsebene vorgenommen, ohne dass Anlegerinnen und Anleger dadurch selbst einen steuerpflichtigen Verkauf auslösen – das ist ein struktureller Unterschied, der bei häufigem Umschichten spürbar ins Gewicht fallen kann.
Welche legitimen Gründe sprechen für Einzelaktien?
Dazu zählen mehr Kontrolle über die Zusammensetzung des Depots, der gezielte Ein- oder Ausschluss bestimmter Unternehmen, keine laufende Fondsgebühr (TER), der direkte Erhalt von Dividenden sowie persönliches Interesse an Unternehmensanalyse. Diese Argumente sind unabhängig von der Renditefrage nachvollziehbar.
Was bedeutet Core-Satellite in diesem Zusammenhang?
Beim Core-Satellite-Ansatz bildet ein breiter, passiver ETF den überwiegenden Teil des Depots (Core), während ein kleinerer, klar begrenzter Anteil für Einzelaktien oder andere gezielte Positionen reserviert ist (Satellite). So bleibt das Klumpenrisiko auf den Satellite-Anteil begrenzt, während der Großteil des Vermögens breit gestreut bleibt.
Ist dieser Artikel eine Empfehlung, Einzelaktien oder ETFs zu kaufen?
Nein. Der Artikel ordnet öffentlich verfügbare Forschungsergebnisse und Diversifikations-Mathematik ein, spricht aber keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung für bestimmte Wertpapiere aus und ersetzt keine individuelle Anlageberatung. Historische Daten sind zudem kein Hinweis auf zukünftige Entwicklungen.