Ratgeber

Entnahmeplan im Ruhestand: Wie viel darfst du aus deinem ETF-Depot entnehmen?

Stand: Juli 2026 · Lesezeit ca. 21 Min. · Redaktion: RenditeRadar

Wie viel Geld darfst du im Ruhestand monatlich aus deinem ETF-Depot entnehmen, ohne dass es zu früh ausgeht? Der Ratgeber erklärt die 4%-Regel, ihre Grenzen in Deutschland und robustere Alternativen.

Ein ETF-Depot aufzubauen ist die eine Aufgabe. Es im Ruhestand wieder abzubauen, ist eine ganz andere – und deutlich schwieriger. Während der Ansparphase zählt vor allem eine Zahl: die Sparrate. In der Entnahmephase kommen plötzlich mehrere Unbekannte gleichzeitig ins Spiel: Wie viel darfst du monatlich entnehmen, ohne dass das Depot zu früh leer ist? Was passiert, wenn ausgerechnet im ersten Rentenjahr die Kurse einbrechen? Und wie schlagen Steuern und Krankenversicherungsbeiträge auf die Entnahme durch?

Die bekannteste Antwort auf diese Fragen ist die sogenannte 4%-Regel. Sie klingt einfach, stammt aber aus einer anderen Zeit und einem anderen Land – und sie lässt sich nicht unbesehen auf deutsche Verhältnisse übertragen. Andere Quellen, etwa Finanztip, schlagen deshalb einen gemischten Ansatz aus ETF-Entnahme und einem Tagesgeld-/Festgeld-Baustein vor, statt sich allein auf einen einzelnen Prozentsatz zu verlassen. Dieser Ratgeber ordnet ein, woher die 4%-Regel kommt, warum sie in Deutschland mit Vorsicht zu genießen ist, welche Alternativen es gibt und worauf du bei einem eigenen Entnahmeplan achten solltest.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Entnahmestrategie legt fest, wie viel Geld du regelmäßig aus deinem ETF-Depot entnimmst, ohne dein Vermögen zu schnell aufzubrauchen.
  • Die 4%-Regel basiert auf US-amerikanischen Studien (Bengen, Trinity Study) mit historischen US-Renditen über 30 Jahre – sie ist kein Naturgesetz.
  • In Deutschland wird häufig eine niedrigere Entnahmerate von rund 3 bis 3,5 % diskutiert, unter anderem wegen Abgeltungssteuer und Krankenversicherungsbeiträgen auf Kapitalerträge.
  • Das größte Einzelrisiko heißt Sequence-of-Returns-Risiko: Ein Crash kurz nach Renteneintritt kann ein Depot deutlich schneller aufzehren als derselbe Crash Jahre später.
  • Alternativen zur starren 4%-Regel sind dynamische Entnahmen, Guardrails (Guyton-Klinger-Prinzip) und die Entnahme aus Dividenden/Ausschüttungen.
  • Ein Cash-Polster und durchdachtes Rebalancing helfen, in Crash-Phasen nicht prozyklisch verkaufen zu müssen.
  • Steuerlich relevant sind vor allem Freistellungsauftrag, Teilfreistellung, Abgeltungssteuer und Vorabpauschale.

Dieser Beitrag ist ein allgemeiner redaktioneller Ratgeber und keine Anlageberatung und keine Vermittlung. Alle Entnahmeraten, Eurobeträge und Rechenbeispiele in diesem Text sind illustrative Annahmen zur Veranschaulichung des Prinzips – keine Prognose und keine Zusage, dass ein Depot bei einer bestimmten Entnahmerate tatsächlich eine bestimmte Zeit lang reicht. Deine individuelle Situation hängt von Steuerklasse, Krankenversicherung (gesetzlich oder privat), gesetzlicher Rente, Lebenserwartung, Ausgaben und vielen weiteren Faktoren ab, die dieser Text nicht kennen kann. Prüfe größere Entscheidungen im Zweifel mit Blick auf deine persönlichen Unterlagen und ziehe bei Bedarf eine unabhängige, qualifizierte Fachperson hinzu.

Was ist eine Entnahmestrategie überhaupt?

Eine Entnahmestrategie (englisch: *withdrawal strategy* oder *decumulation strategy*) beantwortet eine einzige Frage: Wie viel Geld nimmst du wann aus einem Kapitalstock heraus, damit er möglichst lange – idealerweise über deine gesamte verbleibende Lebenszeit – reicht?

Das klingt banal, ist aber komplexer als beim Sparen. In der Ansparphase spielt dir der sogenannte Cost-Average-Effekt tendenziell in die Karten: Du kaufst über viele Jahre hinweg zu unterschiedlichen Kursen, Schwankungen gleichen sich im Durchschnitt eher aus. In der Entnahmephase drehst du diesen Mechanismus um. Du verkaufst regelmäßig Anteile – unabhängig davon, ob der Markt gerade hoch oder tief steht. Genau das macht die Reihenfolge der Renditen (dazu gleich mehr) so wichtig.

Grundsätzlich unterscheidet man bei Entnahmeplänen für ETF-Depots zwischen mehreren Dimensionen:

  • Statisch vs. dynamisch: Entnimmst du jedes Jahr denselben (inflationsangepassten) Betrag, oder passt sich die Entnahme an die Entwicklung des Depots an?
  • Prozentual vs. fixer Betrag: Entnimmst du einen festen Prozentsatz vom aktuellen Depotwert oder einen in Euro fixierten monatlichen Betrag?
  • Verkauf von Anteilen vs. Ausschüttungen: Verkaufst du regelmäßig Fondsanteile (klassischer Entnahmeplan, oft „Auszahlplan" genannt) oder lebst du nur von Dividenden und Ausschüttungen, ohne die Substanz anzugreifen?

Die konkrete Umsetzung – etwa monatliche Entnahmebeträge über verschiedene Zeiträume und Renditeannahmen – kannst du mit dem Entnahmeplan-Rechner durchspielen. Wer noch vor der Frage steht, wann ein Depot überhaupt groß genug für eine Entnahmephase ist, findet Orientierung im Rechner für finanzielle Freiheit. Wie ein ETF-Depot in der Ansparphase überhaupt aufgebaut wird, behandelt der Ratgeber ETF für die Altersvorsorge – dieser Artikel hier setzt bewusst erst danach an, beim Entsparen.

Begriffe im Überblick: Entnahmeplan, Auszahlplan, Entsparen

In der Praxis werden mehrere Begriffe oft synonym verwendet, die genau genommen leicht unterschiedliche Nuancen haben:

  • Entnahmeplan: Oberbegriff für jede Strategie, mit der du regelmäßig Geld aus einem Depot herausnimmst.
  • Auszahlplan: Häufig verwendeter Begriff, unter anderem bei Finanztip, für die konkrete Umsetzung – etwa einen automatisierten, regelmäßigen Verkauf von Fondsanteilen bei Bank oder Broker.
  • Entsparen bzw. Decumulation: Beschreibt den Gesamtprozess, ein über Jahrzehnte aufgebautes Vermögen wieder gezielt abzubauen – das Gegenstück zum „Ansparen".

Für diesen Ratgeber ist die genaue Begrifflichkeit zweitrangig; entscheidend ist das dahinterliegende Prinzip: ein Kapitalstock, aus dem über einen langen, im Voraus nicht exakt bekannten Zeitraum regelmäßig Geld entnommen wird.

Die 4%-Regel: Herkunft und Grundidee

Die 4%-Regel ist der wohl bekannteste Referenzpunkt für Entnahmestrategien. Ihre Grundidee: Wenn du im ersten Jahr des Ruhestands 4 % deines Depotwerts entnimmst und diesen Euro-Betrag in den Folgejahren nur um die Inflation erhöhst, soll das Kapital mit hoher Wahrscheinlichkeit über einen Zeitraum von rund 30 Jahren nicht aufgebraucht sein.

Die Regel geht auf zwei Quellen zurück:

  • Der Finanzberater William Bengen untersuchte 1994 in einer vielzitierten Studie historische US-Aktien- und Anleiherenditen und leitete daraus eine „sichere" Entnahmerate von rund 4 % ab.
  • 1998 bestätigte die sogenannte Trinity Study (benannt nach der Trinity University) diese Größenordnung anhand ähnlicher historischer US-Marktdaten über 30-Jahres-Zeiträume.

Wichtig ist der Kontext, aus dem diese 4 % stammen: Beide Untersuchungen basieren auf historischen US-Aktien- und Anleiherenditen, nicht auf deutschen oder globalen Daten, und auf einem festen Betrachtungszeitraum von rund 30 Jahren. Für viele US-Ruheständler in den analysierten Zeiträumen hätte diese Entnahmerate historisch tatsächlich funktioniert. Das heißt aber nicht automatisch, dass sie auch für ein global diversifiziertes ETF-Depot einer Person mit deutschem Steuer- und Sozialversicherungssystem, anderer Lebenserwartung und einem anderen Renteneintrittsalter genauso gilt.

Die Verbraucherzentrale weist in ihrem Ratgeber „Rente aus Geldanlage" ausdrücklich darauf hin, dass die 4%-Regel nur eine grobe Faustregel ist und „nicht zuverlässig funktioniert" – insbesondere in langen Phasen mit niedrigen oder negativen Renditen könnte das Kapital schneller aufgebraucht sein als geplant. Als Gegenmaßnahme empfiehlt sie eine gestaffelte Entnahme sowie einen Anteil verzinslicher Anlagen im Depot, statt sich allein auf einen festen Prozentsatz zu verlassen.

Warum die 4%-Regel in Deutschland kritisch zu sehen ist

Für ein deutsches ETF-Depot kommen zur grundsätzlichen Unsicherheit der 4%-Regel mehrere länderspezifische Faktoren hinzu, die im ursprünglichen US-Modell schlicht nicht vorkommen.

Steuern schmälern die reale Entnahme

Gewinne aus dem Verkauf von ETF-Anteilen unterliegen in Deutschland der Abgeltungssteuer von 26,375 % (inklusive Solidaritätszuschlag, ohne Kirchensteuer). Bei Aktien-ETFs greift zusätzlich die Teilfreistellung von 30 %, sodass effektiv nur 70 % des Kursgewinnanteils einer Entnahme besteuert werden. Trotzdem bleibt: Ein Teil jeder Entnahme, die über deinen ursprünglichen Einstandswert hinausgeht, geht ans Finanzamt – ein Effekt, den die US-Studien in dieser Form nicht abbilden mussten, weil sie mit anderen steuerlichen Rahmenbedingungen (unter anderem steuerbegünstigten US-Rentenkonten) rechneten. Wie viel vom Sparerpauschbetrag (1.000 Euro für Alleinstehende, 2.000 Euro bei gemeinsamer Veranlagung) noch zur Verfügung steht, entscheidet zusätzlich darüber, wie viel von der Entnahme überhaupt steuerpflichtig wird.

Beiträge zur Krankenversicherung auf Kapitalerträge

Wer gesetzlich krankenversichert ist – insbesondere freiwillig versicherte Rentnerinnen und Rentner – zahlt unter Umständen auch auf Kapitalerträge Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung. Das reduziert den Betrag, der von einer Entnahme netto tatsächlich zum Leben übrig bleibt, zusätzlich zur Abgeltungssteuer. Auch dieser Effekt fehlt im ursprünglichen US-Modell komplett.

Andere Zeiträume und andere Lebensrealität

Die historischen 30-Jahres-Fenster von Bengen und der Trinity Study sind auf den US-Häusermarkt, den US-Aktienmarkt und US-Zinsverläufe des 20. Jahrhunderts zugeschnitten. Wer heute mit 60 oder 65 in den Ruhestand geht, kann angesichts steigender Lebenserwartung durchaus 35 Jahre oder länger auf sein Depot angewiesen sein – ein längerer Zeitraum als der ursprünglich untersuchte, was die Anforderungen an die Entnahmerate tendenziell eher verschärft als lockert.

In der deutschen Finanz-Community wird vor diesem Hintergrund häufig eine niedrigere Entnahmerate von rund 3 bis 3,5 % statt 4 % diskutiert, um Steuerlast, mögliche Krankenversicherungsbeiträge und einen im Zweifel längeren Entnahmezeitraum abzufedern. Eine allgemeingültige, für jede Situation „richtige" Zahl gibt es dabei nicht – das genaue Ergebnis hängt von deiner individuellen Steuer- und Versicherungssituation ab.

Sequence-of-Returns-Risiko: Warum die Reihenfolge der Renditen entscheidet

Eines der am meisten unterschätzten Risiken einer Entnahmephase ist das sogenannte Sequence-of-Returns-Risiko (Risiko der Renditereihenfolge). Die Kernaussage: Nicht nur die durchschnittliche Rendite über die gesamte Entnahmephase zählt, sondern auch, in welcher Reihenfolge gute und schlechte Jahre auftreten – vor allem, ob ein Crash am Anfang oder am Ende der Entnahmephase passiert.

Der Grund: Während der Ansparphase ist ein Crash am Anfang der Karriere unproblematisch (du kaufst günstiger nach) und ein Crash kurz vor dem Ruhestand ärgerlich, aber oft noch verkraftbar, weil du weiter Neugeld zuführen kannst. In der Entnahmephase ist es umgekehrt: Ein Crash direkt zu Beginn des Ruhestands trifft dich am härtesten, weil du zur gleichen Zeit, in der die Kurse fallen, auch noch Anteile verkaufen musst, um deinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Diese verkauften Anteile fehlen dem Depot dauerhaft – auch wenn sich der Markt später erholt.

Illustratives Beispiel (rein zur Veranschaulichung, keine reale Kursreihe):

Angenommen, zwei Personen starten mit jeweils 500.000 Euro Depotwert in den Ruhestand und entnehmen beide 4 % im ersten Jahr, danach inflationsangepasst.

  • Person A erlebt in den ersten drei Jahren des Ruhestands einen deutlichen Kursrückgang, gefolgt von einer Erholung in den Folgejahren.
  • Person B erlebt genau dieselbe Kursentwicklung, nur in umgekehrter Reihenfolge: erst die Erholungsjahre, der Rückgang erst gegen Ende.

Über die gesamte Laufzeit betrachtet ist die durchschnittliche Rendite bei beiden identisch. Trotzdem sieht die Realität für Person A ungünstiger aus: Weil in den schwachen ersten Jahren bereits Anteile zu niedrigen Kursen verkauft werden mussten, um die Entnahme zu finanzieren, bleiben weniger Anteile übrig, die später von der Erholung profitieren können. Bei Person B hingegen wächst das Depot zunächst durch die guten Jahre, sodass es beim späteren Rückgang bereits einen größeren Puffer hat. Im ungünstigsten Fall kann diese Reihenfolge bei Person A dazu führen, dass das Kapital vorzeitig aufgebraucht ist – obwohl die langfristige Durchschnittsrendite identisch war.

Genau dieses Risiko ist der zentrale Kritikpunkt der justETF Academy und anderer Quellen an der starren 4%-Regel: Weil sie jedes Jahr denselben (inflationsangepassten) Betrag entnimmt, unabhängig davon, wie sich der Markt gerade entwickelt, reagiert sie nicht auf einen frühen Crash – das Risiko eines vorzeitigen Kapitalverzehrs wird dadurch tendenziell größer. Mehr zu Kursschwankungen und Risiken von ETFs generell findest du im Ratgeber ETF-Risiken.

Für die Praxis bedeutet das: Die ersten fünf bis zehn Jahre einer Entnahmephase sind in gewisser Weise die kritischsten. Läuft der Markt in dieser Anfangsphase gut, entspannt sich die Situation für den Rest der Entnahmedauer spürbar, weil das Depot bereits einen Puffer aufgebaut hat. Läuft der Markt in dieser Anfangsphase schlecht, sollte eine gute Entnahmestrategie in der Lage sein, gegenzusteuern – etwa durch eine niedrigere Entnahme, einen Rückgriff auf ein Cash-Polster oder beides. Genau darauf zielen die im nächsten Abschnitt vorgestellten Alternativen zur starren 4%-Regel ab.

Alternative Entnahmestrategien zur starren 4%-Regel

Weil die starre 4%-Regel auf Sequence-of-Returns-Risiko kaum reagiert, haben sich mehrere flexiblere Ansätze etabliert. Die justETF Academy vergleicht in ihrem Beitrag „Entnahmestrategien im Vergleich" unter anderem die folgenden Modelle.

Statische Entnahme (die klassische 4%-Regel)

Du legst im ersten Jahr einen Prozentsatz vom Startkapital fest und erhöhst diesen Euro-Betrag danach nur noch um die Inflation – unabhängig von der Marktentwicklung. Vorteil: planbar und einfach. Nachteil: reagiert nicht auf Crashs, dadurch anfällig für Sequence-of-Returns-Risiko.

Dynamische bzw. variable Entnahme

Der Entnahmebetrag wird jedes Jahr neu berechnet – meist als fester Prozentsatz vom aktuellen Depotwert, nicht vom Startwert. Sinkt das Depot in einer Krise, sinkt automatisch auch die Entnahme; steigt es, darfst du mehr entnehmen. Vorteil: Das Depot kann rechnerisch praktisch nicht auf null fallen, solange du diszipliniert bleibst. Nachteil: Deine monatlichen Einnahmen schwanken – das erfordert finanzielle Flexibilität bei den Ausgaben.

Guardrails / Guyton-Klinger-Prinzip

Ein Mittelweg zwischen starr und variabel: Du definierst „Leitplanken" (englisch: *guardrails*) um eine Ziel-Entnahmerate herum. Läuft der Markt gut und dein Depot wächst über eine obere Leitplanke hinaus, darfst du die Entnahme leicht erhöhen. Fällt der Depotwert unter eine untere Leitplanke, senkst du die Entnahme vorübergehend ab, statt weiter unverändert zu entnehmen. Dieses Prinzip – benannt nach den Entwicklern Jonathan Guyton und William Klinger – soll die Planbarkeit einer statischen Regel mit der Krisenreaktion einer dynamischen Regel verbinden.

Entnahme nur aus Dividenden bzw. Ausschüttungen

Statt Anteile zu verkaufen, lebst du ausschließlich von den Ausschüttungen deiner ETFs (bei ausschüttenden Fonds) oder schichtest bei thesaurierenden ETFs regelmäßig einen Teil in ausschüttende Produkte um. Vorteil: Du greifst die Substanz nicht direkt an, was psychologisch beruhigend wirken kann. Nachteil: Die Dividendenrendite eines breit gestreuten Aktien-ETF liegt historisch oft im Bereich von nur ein bis drei Prozent – für viele Ruhestände reicht das allein nicht aus, ohne zusätzlich Anteile zu verkaufen. Zudem sind Ausschüttungen nicht garantiert und können in Krisenjahren gekürzt werden.

Gemischter Ansatz: ETF-Entnahme plus Tagesgeld/Festgeld

Neben den vier genannten Strategien beschreibt Finanztip in seinem Ratgeber zum Auszahlplan einen pragmatischen Mittelweg: das Depot nicht als einzige Quelle für Entnahmen zu behandeln, sondern es mit einem Baustein aus Tagesgeld und Festgeld zu kombinieren. Die Grundidee ähnelt dem weiter unten beschriebenen Cash-Polster, geht aber noch etwas weiter: Ein Teil des Vermögens wird von vornherein nicht in Aktien-ETFs, sondern in verzinsliche, kurzfristig verfügbare Anlagen umgeschichtet, sobald der Ruhestand näher rückt. Aus diesem Baustein werden dann bevorzugt die laufenden Entnahmen bestritten, während der ETF-Anteil weiterlaufen und sich erholen kann. Der Kompromiss dabei: Der verzinsliche Anteil trägt in aller Regel weniger zum langfristigen Wertzuwachs bei als ein Aktien-ETF, dafür reduziert er die Abhängigkeit von der aktuellen Marktlage bei jeder einzelnen Entnahme.

Die folgende Tabelle fasst die vier prozentbasierten Ansätze zusammen:

StrategieFunktionsweiseVorteilNachteil
Statische 4%-RegelFixer, nur inflationsangepasster BetragSehr planbarReagiert nicht auf Crashs, höheres Sequence-of-Returns-Risiko
Dynamische/variable EntnahmeProzentsatz vom aktuellen DepotwertDepot kann kaum auf null fallenEinkommen schwankt stärker
Guardrails (Guyton-Klinger)Leitplanken passen Entnahme flexibel anKompromiss aus Planbarkeit und FlexibilitätKomplexer in der Umsetzung
Nur Dividenden/AusschüttungenEntnahme nur aus AusschüttungenSubstanz bleibt rechnerisch erhaltenAusschüttungsrendite oft zu niedrig, nicht garantiert

Keine dieser Strategien ist objektiv „richtig" oder „falsch" – sie unterscheiden sich vor allem darin, wie viel Planungssicherheit du gegen wie viel Flexibilität eintauschst.

Inflation in der Entnahmephase nicht unterschätzen

Ein Aspekt, der bei der Diskussion um Prozentsätze leicht in den Hintergrund gerät, ist die Inflation. Selbst wenn ein Depot rein nominal nicht schrumpft, kann die reale Kaufkraft der Entnahme über 20 oder 30 Jahre spürbar sinken, wenn die Entnahmebeträge nicht mitwachsen.

Illustratives Rechenbeispiel (Annahme, keine Prognose): Bei einer angenommenen durchschnittlichen Inflation von 2 % pro Jahr hat ein heute festgelegter Entnahmebetrag von 1.500 Euro pro Monat nach 20 Jahren nur noch eine Kaufkraft, die grob der eines heutigen Betrags von rund 1.000 Euro entspricht – vorausgesetzt, die Inflation bleibt tatsächlich konstant bei 2 %, was in der Realität nie exakt so eintritt. Genau deshalb sieht die klassische 4%-Regel vor, den Entnahmebetrag Jahr für Jahr um die Inflation zu erhöhen, statt ihn nominal konstant zu halten. Wer diesen Schritt vergisst oder bewusst auslässt, weil der nominale Betrag „noch reicht", unterschätzt leicht, wie viel realer Lebensstandard über die Jahre verloren geht.

Bei dynamischen Strategien und Guardrails-Modellen wird die Inflation implizit mitberücksichtigt, weil sich die Entnahme ohnehin am aktuellen Depotwert orientiert. Bei einer statischen Entnahme lohnt es sich, die Inflationsanpassung von vornherein fest in den Plan einzubauen, statt sie nachträglich „nach Gefühl" vorzunehmen.

Die Rolle eines Cash- bzw. Tagesgeld-Polsters in der Entnahmephase

Aus der Ansparphase kennst du das Prinzip des Notgroschens: eine liquide Reserve für unvorhergesehene Ausgaben, damit du nicht mitten in einem Kurstief ETF-Anteile verkaufen musst. In der Entnahmephase bekommt dieses Prinzip eine zweite, mindestens ebenso wichtige Funktion.

Die Idee: Neben dem ETF-Depot hältst du einen separaten Cash-Puffer – zum Beispiel auf einem Tagesgeldkonto – der mehrere Monatsausgaben, teils auch ein bis zwei Jahresausgaben, abdeckt. In Jahren mit deutlichen Kurseinbrüchen entnimmst du dann vorübergehend aus diesem Cash-Polster statt aus dem ETF-Depot. So musst du keine Anteile „im Tal" verkaufen und gibst dem Depot Zeit, sich zu erholen, bevor du wieder daraus entnimmst. Genau dieses Prinzip – ein Anteil verzinslicher, liquider Mittel neben dem Aktienanteil – empfiehlt auch die Verbraucherzentrale als Ergänzung zu einer reinen Prozentregel.

Der Cash-Puffer kostet dich potenziell etwas Rendite, weil das Geld nicht am Aktienmarkt investiert ist. Dafür reduziert er das Sequence-of-Returns-Risiko spürbar, weil er dir in schlechten Marktjahren Handlungsspielraum verschafft, statt dich zu Verkäufen zu zwingen. Wie groß dieser Puffer sein sollte, hängt unter anderem von deiner sonstigen Einkommenssituation (zum Beispiel gesetzliche Rente, Mieteinnahmen) und deiner persönlichen Risikotragfähigkeit ab.

Rebalancing während der Entnahmephase

Rebalancing – also das regelmäßige Zurückführen der Depotgewichtung auf eine Zielverteilung, etwa zwischen Aktien-ETF und Anleihen- bzw. Cash-Anteil – ist auch in der Entnahmephase relevant, funktioniert dort aber etwas anders als beim reinen Ansparen.

In der Ansparphase gleichst du meist über neue Käufe aus: Du kaufst gezielt den Anteil nach, der im Verhältnis untergewichtet ist. In der Entnahmephase kannst du Rebalancing mit den ohnehin fälligen Entnahmen kombinieren:

  • Ist der Aktienanteil nach einer guten Marktphase über die Zielquote gewachsen, entnimmst du bevorzugt aus diesem Anteil und lässt den Anleihen-/Cash-Anteil unangetastet.
  • Ist der Aktienanteil nach einem Kurseinbruch unter die Zielquote gefallen, entnimmst du stattdessen bevorzugt aus dem Anleihen-/Cash-Anteil und schonst den Aktienanteil, damit er sich erholen kann.

Diese Kombination aus Entnahme und Rebalancing wird manchmal als „Bucket-Ansatz" bezeichnet: verschiedene „Eimer" für unterschiedliche Zeithorizonte (kurzfristig verfügbares Cash, mittelfristige Anleihen, langfristige Aktien-ETFs), aus denen je nach Marktlage entnommen wird. Wichtig ist, Rebalancing nicht zu häufig und nicht impulsiv nach jeder Kursbewegung vorzunehmen, sondern an feste Regeln oder Zeitpunkte zu koppeln, etwa einmal jährlich oder bei Überschreiten fest definierter Schwellenwerte.

Steuerliche Aspekte bei Entnahmen aus dem ETF-Depot

Jede Entnahme aus einem ETF-Depot außerhalb eines steuerbegünstigten Vorsorgeprodukts löst grundsätzlich eine steuerliche Betrachtung aus. Die wichtigsten Bausteine im Überblick:

Abgeltungssteuer: Auf den in der Entnahme enthaltenen Kursgewinn- und ggf. Ausschüttungsanteil fällt die Abgeltungssteuer von pauschal 26,375 % (inklusive Solidaritätszuschlag, ohne eventuelle Kirchensteuer) an. Besteuert wird dabei nicht der komplette entnommene Betrag, sondern nur der darin enthaltene Gewinnanteil – dein ursprünglich eingezahltes Kapital (Einstandswert) fließt steuerfrei zurück.

Teilfreistellung: Bei Aktien-ETFs (mit einem Aktienanteil von in der Regel mindestens 51 %) sind 30 % der Erträge über die Teilfreistellung von der Steuer befreit. Effektiv werden also nur 70 % des Gewinnanteils einer Entnahme mit der Abgeltungssteuer belastet.

Sparerpauschbetrag / Freistellungsauftrag: Über einen Freistellungsauftrag bei deiner Bank oder deinem Broker kannst du jährlich bis zu 1.000 Euro (Alleinstehende) bzw. 2.000 Euro (gemeinsam veranlagte Paare) an Kapitalerträgen steuerfrei vereinnahmen. In der Entnahmephase lohnt es sich, diesen Freibetrag gezielt einzuplanen, statt ihn ungenutzt verfallen zu lassen – etwa indem du die Höhe und den Zeitpunkt von Entnahmen so staffelst, dass der Pauschbetrag pro Jahr möglichst ausgeschöpft wird.

Vorabpauschale: Auch wenn du (noch) nicht entnimmst, kann bei thesaurierenden ETFs jährlich die Vorabpauschale anfallen – eine fiktive Besteuerung, die sich am Basiszins orientiert (für 2026 beträgt dieser Basiszins 3,20 %) und auf bereits gezahlte Steuern bei einem späteren Verkauf angerechnet wird. In der Entnahmephase ist das relevant, weil die Vorabpauschale die künftig noch zu versteuernden Gewinne bei einem tatsächlichen Verkauf mindert – sie wurde ja bereits vorab besteuert.

Wichtig für die Praxis: Wie viel von einer Entnahme tatsächlich versteuert werden muss, hängt vom individuellen Gewinnanteil deiner Anteile ab (meist nach dem Prinzip „first in, first out"), nicht vom entnommenen Bruttobetrag insgesamt. Bei mehreren Sparplänen bzw. Kaufzeitpunkten über viele Jahre kann die konkrete Steuerlast pro Entnahme daher schwanken. Eine pauschale Aussage wie „X % jeder Entnahme sind Steuern" lässt sich seriös nicht treffen, ohne die konkrete Kaufhistorie zu kennen.

Freibetrag über das Jahr staffeln: Manche Entnahmepläne lassen sich so gestalten, dass die Höhe der Entnahme innerhalb eines Jahres leicht angepasst wird, um den Sparerpauschbetrag möglichst vollständig, aber nicht zu weit auszuschöpfen. Wird der Pauschbetrag in einem Jahr nicht erreicht, verfällt der ungenutzte Rest ersatzlos – er lässt sich nicht ins Folgejahr übertragen. Wird er dagegen deutlich überschritten, fällt auf den übersteigenden Gewinnanteil Abgeltungssteuer an. Wer mehrere Depots oder Banken nutzt, sollte zudem darauf achten, den Freistellungsauftrag sinnvoll aufzuteilen, damit der Pauschbetrag insgesamt weder ungenutzt bleibt noch mehrfach beantragt wird, als eigentlich zulässig ist.

Rechenbeispiele: 500.000 Euro Depot bei unterschiedlichen Entnahmeraten

Die folgenden Zahlen sind rein illustrativ. Sie zeigen nur, wie sich unterschiedliche Entnahmeraten rechnerisch auf einen Beispielbetrag im ersten Jahr auswirken – sie sind keine Prognose, ob und wie lange ein Depot bei dieser Rate tatsächlich reicht. Die reale Entwicklung hängt von künftigen Kapitalmarktrenditen, Inflation, Steuern und individuellen Entnahmeentscheidungen ab, die niemand im Voraus kennt.

Angenommen, du startest den Ruhestand mit einem ETF-Depotwert von 500.000 Euro (Bruttowert, vor Steuern auf enthaltene Gewinne):

Entnahmerate p.a.Entnahme im 1. Jahr (brutto)Entnahme pro Monat (brutto)
3,0 %15.000 €ca. 1.250 €
3,5 %17.500 €ca. 1.458 €
4,0 %20.000 €ca. 1.667 €

Auf den ersten Blick wirkt der Unterschied zwischen 3 % und 4 % nicht dramatisch – rund 417 Euro mehr im Monat bei der höheren Rate. Der eigentliche Unterschied zeigt sich aber nicht im ersten Jahr, sondern über die gesamte Entnahmedauer: Eine höhere Entnahmerate entzieht dem Depot von Anfang an mehr Substanz, wodurch weniger Kapital für künftiges Wachstum zur Verfügung steht – dieser Effekt verstärkt sich in ungünstigen Marktphasen (siehe Sequence-of-Returns-Risiko oben) zusätzlich.

Zudem ist in dieser Beispielrechnung die Steuer auf den Gewinnanteil jeder Entnahme noch nicht abgezogen – der tatsächlich verfügbare Netto-Betrag liegt daher in der Praxis unter den genannten Brutto-Zahlen, sobald der Sparerpauschbetrag ausgeschöpft ist. Wenn du mit deinen eigenen Zahlen (Depotwert, angenommene Rendite, gewünschte Entnahmedauer) rechnen willst, kannst du das im Entnahmeplan-Rechner tun.

Häufige Fehler bei der Entnahmeplanung

Eine zu hohe Entnahmerate ansetzen. Wer unreflektiert 4 % oder mehr entnimmt, ohne die deutschen Besonderheiten (Steuer, mögliche Krankenversicherungsbeiträge, potenziell längere Entnahmedauer) einzupreisen, geht ein höheres Risiko ein, als die reine Prozentzahl suggeriert.

Kein Cash-Polster einplanen. Ohne liquide Reserve bist du in einem Crash gezwungen, genau dann Anteile zu verkaufen, wenn die Kurse am niedrigsten stehen – der Kern des Sequence-of-Returns-Risikos.

Prozyklisch in Crash-Phasen verkaufen (oder sogar noch mehr entnehmen). Psychologisch verständlich, aber riskant: Wer in einer Krise aus Sorge zusätzliche Anteile verkauft, verstärkt genau den Effekt, den ein Cash-Polster oder eine dynamische Strategie eigentlich abfedern sollen.

Inflation ignorieren. Ein über Jahrzehnte nominal gleichbleibender Entnahmebetrag verliert real an Kaufkraft. Wer die Inflation bei der Planung nicht berücksichtigt, unterschätzt leicht, wie viel „echte" Kaufkraft eine bestimmte Entnahmerate in 15 oder 20 Jahren noch hat.

Steuern und Freibeträge nicht mitdenken. Wer den Sparerpauschbetrag Jahr für Jahr ungenutzt verfallen lässt oder die Teilfreistellung bei der Nettobetrachtung vergisst, plant mit falschen Zahlen.

Starr an einer einzigen Regel festhalten. Weder die 4%-Regel noch eine dynamische Strategie ist in jeder Marktlage optimal. Wer bereit ist, die Entnahme in schlechten Jahren leicht zu senken (Guardrails-Prinzip) oder auf ein Cash-Polster zurückzugreifen, reduziert das Risiko eines vorzeitigen Kapitalverzehrs spürbar gegenüber einer komplett unflexiblen Regel.

Rebalancing komplett vernachlässigen. Ohne regelmäßiges Anpassen der Aktien-/Anleihen-Cash-Gewichtung driftet das Depotrisiko im Lauf der Jahre unbemerkt in eine Richtung, die nicht mehr zur ursprünglichen Planung passt.

Sich allein auf eine einzige Studie oder Faustformel verlassen. Die 4%-Regel basiert auf einer begrenzten Anzahl historischer US-Zeiträume. Weder Bengen noch die Trinity Study können garantieren, dass sich Kapitalmärkte künftig ähnlich verhalten wie in der Vergangenheit. Ein Entnahmeplan sollte deshalb eher als Rahmen mit eingebauter Flexibilität verstanden werden als eine fixe, für alle Zukunft gültige Formel.

Die eigene Lebenserwartung und den Ruhestandsbeginn nicht mitdenken. Wer sehr früh in den Ruhestand geht – etwa im Rahmen einer FIRE-Strategie („Financial Independence, Retire Early") –, muss unter Umständen deutlich mehr als 30 Jahre überbrücken. Für diesen Fall sind die klassischen 30-Jahres-Studien noch weniger direkt übertragbar, was eher für eine vorsichtigere Entnahmerate spricht.

Fazit

Ein Entnahmeplan fürs ETF-Depot ist kein einmaliger Rechenschritt, sondern ein fortlaufender Prozess. Die 4%-Regel liefert eine griffige erste Orientierung, ist aber ein US-amerikanisches Konstrukt aus einer anderen Steuer- und Sozialversicherungswelt – für ein deutsches Depot lohnt sich ein kritischerer Blick, gerade weil Abgeltungssteuer und mögliche Krankenversicherungsbeiträge auf Kapitalerträge die reale Entnahme schmälern.

Wichtiger als die exakte Prozentzahl ist oft die Struktur drumherum: ein Cash-Polster für Krisenjahre, ein Rebalancing-Rhythmus, eine Bereitschaft, die Entnahme in schlechten Marktphasen leicht zu senken (Guardrails-Prinzip), und ein realistisches Bild davon, wie Steuern und Freibeträge die Netto-Entnahme beeinflussen. Es gibt keine risikofreie Entnahmerate, die für jede Lebenssituation, jeden Anlagehorizont und jede künftige Marktentwicklung gleichermaßen passt – wohl aber Prinzipien, mit denen sich das Risiko eines vorzeitigen Kapitalverzehrs spürbar reduzieren lässt. Wer den Ruhestand ganzheitlich plant, denkt neben der laufenden Entnahme meist auch an die eigene Bestattungsvorsorge – ein Vergleich der Optionen findet sich im Beitrag Sterbegeldversicherung sinnvoll?. Nutze die Rechenbeispiele in diesem Text als Ausgangspunkt für eigene Überlegungen, nicht als Zusage, und rechne deine persönliche Situation im Entnahmeplan-Rechner oder im Rechner für finanzielle Freiheit durch.

Häufige Fragen

Was ist die 4%-Regel beim Entnahmeplan?

Die 4%-Regel besagt, dass du im ersten Jahr des Ruhestands 4 % deines Depotwerts entnimmst und diesen Euro-Betrag danach nur noch an die Inflation anpasst. Sie basiert auf historischen US-Kapitalmarktdaten (Bengen-Studie 1994, Trinity Study 1998) über rund 30 Jahre und ist eine Faustregel, kein garantiertes Ergebnis.

Ist die 4%-Regel für Deutschland überhaupt geeignet?

Nur eingeschränkt. Die zugrunde liegenden Studien basieren auf US-Renditen und einem US-Steuersystem. In Deutschland mindern Abgeltungssteuer und bei gesetzlich Versicherten mögliche Krankenversicherungsbeiträge auf Kapitalerträge die reale Entnahme zusätzlich. Die Verbraucherzentrale weist explizit darauf hin, dass die Regel nicht zuverlässig funktioniert, besonders in langen Phasen mit niedrigen Renditen.

Welche Entnahmerate wird für Deutschland stattdessen häufig diskutiert?

In der deutschen Finanz-Community wird oft eine niedrigere Rate von rund 3 bis 3,5 % statt 4 % ins Gespräch gebracht, um Steuerlast, mögliche Krankenversicherungsbeiträge und eine potenziell längere Entnahmedauer abzufedern. Eine einzelne, für jede Situation richtige Zahl gibt es dabei nicht – sie hängt von deiner individuellen Steuer- und Versicherungssituation ab.

Was ist das Sequence-of-Returns-Risiko?

Es beschreibt, dass nicht nur die durchschnittliche Rendite über die Entnahmephase zählt, sondern auch die Reihenfolge der guten und schlechten Jahre. Ein Kurseinbruch kurz nach Renteneintritt ist riskanter als derselbe Einbruch Jahre später, weil in der Krise bereits Anteile verkauft werden müssen, um laufende Entnahmen zu finanzieren.

Wie groß sollte ein Cash-Polster in der Entnahmephase sein?

Eine pauschale Zahl gibt es nicht, aber viele Ansätze orientieren sich an mehreren Monats- bis hin zu ein bis zwei Jahresausgaben als liquider Reserve, zum Beispiel auf einem Tagesgeldkonto. Der Puffer soll dir erlauben, in einem Crash-Jahr aus Cash statt aus dem ETF-Depot zu entnehmen.

Was bedeutet das Guardrails- bzw. Guyton-Klinger-Prinzip?

Dabei definierst du obere und untere Leitplanken um eine Ziel-Entnahmerate. Wächst dein Depot deutlich, darfst du etwas mehr entnehmen; fällt es unter eine untere Leitplanke, senkst du die Entnahme vorübergehend. Das Prinzip verbindet die Planbarkeit einer statischen Regel mit einer gewissen Reaktionsfähigkeit auf Marktschwankungen.

Reicht es, nur von Dividenden bzw. Ausschüttungen zu leben?

Für viele Ruhestände allein meist nicht, weil die Ausschüttungsrendite breit gestreuter Aktien-ETFs historisch oft nur bei ein bis drei Prozent liegt. Zudem sind Ausschüttungen nicht garantiert und können in Krisenjahren gekürzt werden. Häufig wird dieser Ansatz daher mit anderen Bausteinen kombiniert statt isoliert genutzt.

Welche Steuern fallen bei Entnahmen aus einem ETF-Depot an?

Auf den in der Entnahme enthaltenen Gewinnanteil fällt grundsätzlich die Abgeltungssteuer von 26,375 % an (inklusive Solidaritätszuschlag, ohne Kirchensteuer). Bei Aktien-ETFs sind über die Teilfreistellung 30 % der Erträge steuerfrei. Zusätzlich lässt sich jährlich der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro (2.000 Euro bei gemeinsamer Veranlagung) über einen Freistellungsauftrag nutzen.

Was hat die Vorabpauschale mit meinem Entnahmeplan zu tun?

Die Vorabpauschale betrifft vor allem thesaurierende ETFs vor der eigentlichen Entnahmephase: Sie besteuert jährlich einen am Basiszins orientierten fiktiven Ertrag (2026 liegt der Basiszins bei 3,20 %) vorab. Diese bereits gezahlte Steuer wird bei einem späteren tatsächlichen Verkauf im Rahmen der Entnahme gegengerechnet, sodass es nicht zu einer doppelten Besteuerung derselben Erträge kommt.

Kann ein Entnahmeplan garantieren, dass mein Geld bis zum Lebensende reicht?

Nein. Kein Entnahmeplan und keine Entnahmerate kann das garantieren, weil künftige Kapitalmarktrenditen, Inflation, Steuerregeln und deine Lebenserwartung im Voraus nicht bekannt sind. Entnahmeraten und Rechenbeispiele in diesem Ratgeber sind illustrative Annahmen, keine Zusage. Ein Cash-Polster, Rebalancing und eine gewisse Flexibilität bei der Entnahmehöhe können das Risiko eines vorzeitigen Kapitalverzehrs reduzieren, aber nicht vollständig ausschließen.

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