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Stückzinsen bei Anleihen: Berechnung, Steuer und Verlusttopf erklärt
Stand: Oktober 2026 · Lesezeit ca. 15 Min. · Redaktion: RenditeRadar
Was Stückzinsen sind, wie du sie berechnest und wie sie nach § 43a EStG steuerlich behandelt werden – mit Rechenbeispielen zu Kauf, Verkauf, Freistellungsauftrag und Jahreswechsel.
Wer eine Anleihe zwischen zwei Zinsterminen kauft, zahlt dem Verkäufer zusätzlich zum Kurs die Stückzinsen – die seit dem letzten Kupon anteilig aufgelaufenen Zinsen. Steuerlich sorgt das oft für Verwirrung: Die Wertpapierabrechnung zeigt plötzlich einen „negativen Ertrag", der Verlusttopf der Bank ist nicht mehr leer, und der Freistellungsauftrag verhält sich anders als erwartet. Dieser Ratgeber erklärt Schritt für Schritt, wie Stückzinsen berechnet werden, wie sie nach dem Einkommensteuergesetz behandelt werden und worauf du beim Kauf und Verkauf von Anleihen achten kannst. Er ist eine allgemeine Information und keine Steuerberatung.
Das Wichtigste in Kürze
- Stückzinsen sind der Zinsanteil für die Tage zwischen dem letzten Zinstermin und dem Erfüllungstag (Valuta) deines Kaufs. Du zahlst sie zusätzlich zum Kaufkurs.
- Beim Kauf gezahlte Stückzinsen gelten steuerlich als negative Kapitalerträge. Das Gesetz nennt sie ausdrücklich: Die auszahlende Stelle muss „negative Kapitalerträge einschließlich gezahlter Stückzinsen" mit positiven Kapitalerträgen ausgleichen (§ 43a Abs. 3 Satz 2 EStG).
- Beim Verkauf erhaltene Stückzinsen sind Teil deiner Einnahmen aus der Anleihe und damit grundsätzlich steuerpflichtig – sie sind kein steuerfreier Durchlaufposten.
- Über die gesamte Haltedauer wird im Ergebnis nur der Zins besteuert, der auf deine Besitzzeit entfällt. Die Stückzinsen sorgen dafür, dass der Kupon „gerecht" zwischen Verkäufer und Käufer aufgeteilt wird.
- Praktisch relevant sind vor allem Timing und Freibeträge: Negative Stückzinsen können im Kaufjahr Zinserträge verrechnen, die ohnehin durch den Sparer-Pauschbetrag steuerfrei gewesen wären.
- Der Anleihen-ETF kennt dieses Thema für dich als Anleger nicht: Stückzinsen fallen dort nur innerhalb des Fonds an.
Was sind Stückzinsen überhaupt?
Eine klassische Anleihe zahlt ihren Kupon einmal pro Jahr (bei Bundesanleihen und vielen Unternehmensanleihen üblich) oder in mehreren Raten. Der Zins „läuft" aber jeden Tag auf. Wechselt eine Anleihe zwischen zwei Zahlterminen den Besitzer, würde der neue Eigentümer ohne Ausgleich den vollen Kupon erhalten, obwohl er die Anleihe nur einen Teil der Zinsperiode gehalten hat. Der Verkäufer ginge leer aus, obwohl ihm die Zinsen für seine Besitzzeit wirtschaftlich zustehen.
Die Stückzinsen lösen dieses Problem: Der Käufer erstattet dem Verkäufer den Zinsanteil für die Tage seit dem letzten Zinstermin. Beim nächsten Kupontermin bekommt der Käufer dann den vollen Kupon – und hat per Saldo nur den Zins „verdient", der auf seine eigene Haltedauer entfällt.
Wichtig für das Verständnis von Abrechnungen:
- Kurs (clean price): Anleihen werden an der Börse in Prozent des Nennwerts notiert, ohne Stückzinsen. Ein Kurs von 99,50 bedeutet 99,50 % des Nennwerts.
- Stückzinsen (accrued interest): Werden separat berechnet und zum Kurs addiert.
- Rechnungsbetrag (dirty price): Kurswert plus Stückzinsen plus Gebühren – das ist, was tatsächlich von deinem Konto abgebucht wird.
- Einzelne Anleihen werden „flat" gehandelt, also ohne Stückzinsen, etwa wenn ein Emittent in Zahlungsschwierigkeiten ist. Ob das bei einem Papier der Fall ist, ergibt sich aus der Börsennotiz bzw. den Ordervorab-Informationen der Bank.
So werden Stückzinsen berechnet
Die Grundformel lautet:
Stückzinsen = Nennwert × Kupon (p. a.) × Zinstage ÷ Tage des Zinsjahres
Entscheidend sind zwei Fragen: Wie viele Tage zählen, und durch welche Basis wird geteilt? Das legen die Anleihebedingungen fest. Verbreitet sind unter anderem:
| Methode | Tage zählen | Jahresbasis | Typische Verwendung |
|---|---|---|---|
| actual/actual | tatsächliche Kalendertage | tatsächliche Tage der Zinsperiode (365/366) | häufig bei Staatsanleihen |
| actual/365 | tatsächliche Kalendertage | 365 | je nach Emission |
| 30/360 | jeder Monat zählt mit 30 Tagen | 360 | häufig bei Unternehmens- und Bankanleihen |
Welche Methode für ein konkretes Papier gilt, steht in den Anleihebedingungen bzw. im Wertpapierinformationsblatt oder Prospekt. Dein Broker rechnet danach, du musst die Formel nicht selbst anwenden – sie hilft aber beim Prüfen der Abrechnung.
Rechenbeispiel: Kauf im Oktober
Angenommen, du kaufst nominal 10.000 € einer Anleihe mit 3,0 % Kupon, die jährlich am 15. Mai zahlt. Die Order wird mit Valuta (Erfüllungstag) 20. Oktober 2026 abgerechnet.
- Zinstage seit dem 15. Mai 2026: 158 Tage
- Nach actual/365: 10.000 € × 3,0 % × 158 ÷ 365 ≈ 129,86 €
- Nach 30/360 (5 Monate × 30 + 5 Tage = 155 Tage): 10.000 € × 3,0 % × 155 ÷ 360 ≈ 129,17 €
Du siehst: Die Methode verschiebt das Ergebnis nur um Cent-Beträge. Bei größeren Nominalbeträgen oder höheren Kupons wächst dieser Unterschied entsprechend.
Zum nächsten Zinstermin am 15. Mai 2027 erhältst du den vollen Kupon von 300 €. Davon sind 129,86 € eine Rückerstattung deiner gezahlten Stückzinsen; 170,14 € sind der Zins für die rund 207 Tage, die du die Anleihe tatsächlich gehalten hast.
Wann entstehen Stückzinsen – und wann nicht?
Sie entstehen, wenn du eine laufend verzinste Anleihe (Staats-, Unternehmens-, Pfand- oder Bankanleihe) zwischen zwei Zinsterminen kaufst oder verkaufst – an der Börse oder im Direkthandel.
Sie entstehen nicht oder spielen für dich keine Rolle:
- bei einem Kauf genau am Zinstermin (die aufgelaufenen Zinsen sind dann null),
- bei Papieren, die „flat" gehandelt werden,
- bei Nullkuponanleihen, weil dort kein laufender Kupon, sondern nur ein Abschlag zum Nennwert existiert,
- beim Kauf von Anleihen-ETF-Anteilen: Der Fonds erwirbt und verkauft die Anleihen im Hintergrund und rechnet intern ab. Du zahlst den Fondsanteilspreis; wie sich die Zinserträge im Fonds auf Ausschüttung bzw. Thesaurierung auswirken, erklärt der Anleihen-ETF-Ratgeber.
Beim Kauf direkt vom Bund oder über eine Neuemission (Erstzeichnung) startet der Zinslauf in der Regel erst mit dem Emissionsdatum; Stückzinsen sind dort meist nur relevant, wenn du später in den Sekundärmarkt wechselst. Wie der direkte Erwerb von Bundeswertpapieren funktioniert, beschreibt der Ratgeber Bundeswertpapiere direkt kaufen.
Steuerliche Behandlung: Käufer
Die Grundlage ist die Abgeltungsteuer auf Kapitalerträge: 25 % Kapitalertragsteuer plus Solidaritätszuschlag (5,5 % darauf) und gegebenenfalls Kirchensteuer, rechnerisch 26,375 % ohne Kirchensteuer. Details dazu findest du im Abgeltungsteuer-Ratgeber.
Gezahlte Stückzinsen sind negative Kapitalerträge
Zahlst du als Käufer Stückzinsen, behandelt das Steuerrecht diesen Betrag als negativen Kapitalertrag im Jahr der Zahlung. Das steht nicht nur in der Verwaltungspraxis, sondern ausdrücklich im Gesetz: § 43a Abs. 3 Satz 2 EStG verpflichtet die auszahlende Stelle, im Kalenderjahr „negative Kapitalerträge einschließlich gezahlter Stückzinsen bis zur Höhe der positiven Kapitalerträge" auszugleichen.
Konkret heißt das für dein Depot bei einer inländischen Bank:
1. Die Stückzinsen werden bei der Bank im Verlustverrechnungstopf erfasst. 2. Bis zur Höhe der positiven Kapitalerträge desselben Jahres bei derselben Bank (zum Beispiel Zinsen, Dividenden, Gewinne) werden sie automatisch verrechnet; die Bank führt weniger Kapitalertragsteuer ab. 3. Was in diesem Jahr nicht verrechnet werden kann, wird auf das nächste Kalenderjahr übertragen (§ 43a Abs. 3 Satz 3 EStG).
Die Bank verrechnet nur innerhalb des eigenen Hauses. Wie der Topf funktioniert, warum es zwei Töpfe gibt und was bei mehreren Banken gilt, erklären die Ratgeber Verlustverrechnungstopf bei Aktien und ETF und Verrechnungstopf bei mehreren Brokern.
Zusammenspiel mit dem Freistellungsauftrag
Hier wird es für Anleihekäufer interessant. Ein erteilter Freistellungsauftrag wird laut Verwaltungsauffassung erst auf den nach Verlustverrechnung verbleibenden Ertrag angewendet. Das BMF-Schreiben vom 20. Dezember 2022 zu Einzelfragen der Abgeltungsteuer (Ergänzung zum BMF-Schreiben vom 19. Mai 2022) bringt dazu ein Beispiel (Rn. 230), das Stückzinsen enthält. Sinngemäß wiedergegeben, bei 1.000 € Freistellungsvolumen:
| Vorgang | Ertrag / Verlust | Verlusttopf danach | Freistellungsvolumen danach | Abgeltungsteuer |
|---|---|---|---|---|
| 01.02. gezahlte Stückzinsen | − 100 € | 100 € | 1.000 € | 0 € |
| 01.03. Zinszahlung | + 900 € | 0 € | 200 € | 0 € |
| 01.04. Verlust aus Anleiheverkauf | − 500 € | 0 € | 700 € (aufgelebt) | 0 € |
Was das Beispiel zeigt: Die 100 € Stückzinsen mindern zunächst den späteren Zinsertrag (nur 800 € verbrauchen Freistellungsvolumen). Der spätere Verlust von 500 € lässt bereits ausgeschöpftes Freistellungsvolumen wieder aufleben, weil die Bank den Freistellungsauftrag nicht höher ausnutzen soll, als verrechnete Kapitalerträge tatsächlich vorhanden sind. Für die Praxis gilt: Bei unterjährigen Käufen und Verkäufen von Anleihen kann sich der Stand des Freistellungsvolumens im Verlauf des Jahres ändern – ein Blick in die Jahressteuerbescheinigung am Ende lohnt sich. Wie du den Freistellungsauftrag einrichtest und auf mehrere Banken aufteilst, steht im Ratgeber Freistellungsauftrag und in Freistellungsauftrag einrichten und aufteilen.
Der Sparer-Pauschbetrag selbst beträgt 1.000 € pro Person bzw. 2.000 € bei zusammen veranlagten Ehegatten (§ 20 Abs. 9 EStG).
Der Fallstrick: Stückzinsen können Freibetrag „verbrauchen"
Weil gezahlte Stückzinsen Erträge im selben Jahr verrechnen, können sie Erträge neutralisieren, die ohnehin steuerfrei geblieben wären. Ein vereinfachtes Zahlenbeispiel (ein Depot bei einer Bank, Freistellungsauftrag 1.000 €):
- 2026: Tagesgeld-Zinsen bei dieser Bank: 400 €. Kauf der Anleihe aus dem Beispiel oben im Dezember (Valuta 15.12.2026, 214 Zinstage seit dem 15. Mai): Stückzinsen ≈ 175,89 €.
- Verrechnung: 400 € − 175,89 € = 224,11 € → der Freistellungsauftrag wird nur mit 224,11 € ausgeschöpft statt mit 400 €.
- 2027: Der volle Kupon von 300 € fließt zu. Er wird als positiver Ertrag 2027 behandelt.
Über beide Jahre gesehen hast du Zinsen von 400 € + 124,11 € (300 € Kupon − 175,89 € Stückzinsen) versteuert bzw. freigestellt. Entscheidend ist: Wenn dein Freibetrag in 2027 knapp ist, hat dir die Stückzinszahlung in 2026 ungenutzten Freibetrag „weggenommen". Im Extremfall, wenn du 2027 oberhalb des Freibetrags liegst, könnten das bis zu rund 46 € Mehrsteuer sein (175,89 € × 26,375 %). Liegst du in beiden Jahren ohnehin unter dem Freibetrag, ist das Thema bedeutungslos. Eine pauschale Handlungsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten – es ist ein Effekt, den du bei der Planung kennen solltest.
Stückzinsen und Verlustvortrag über das Jahresende
Zahlst du hohe Stückzinsen und hast in diesem Jahr bei der Bank keine ausreichenden positiven Erträge, bleibt ein negativer Saldo übrig. Er wird von der Bank auf das Folgejahr übertragen (§ 43a Abs. 3 Satz 3 EStG) und mindert dort künftige Erträge – zum Beispiel genau den Kupon, der zu den gezahlten Stückzinsen gehört.
Wenn du die Verluste stattdessen mit Erträgen bei einer anderen Bank verrechnen willst, brauchst du eine Verlustbescheinigung. Der unwiderrufliche Antrag muss der auszahlenden Stelle bis zum 15. Dezember des laufenden Jahres zugehen (§ 43a Abs. 3 Satz 5 EStG); die Bescheinigung ersetzt dann den Verlustübertrag bei der Bank. Mehr dazu im Ratgeber zum Verlustverrechnungstopf.
Steuerliche Behandlung: Verkäufer
Wer eine Anleihe vor dem nächsten Zinstermin verkauft, erhält vom Käufer die Stückzinsen für seine Besitzzeit. Aus dem Verkaufserlös lassen sich damit zwei Bestandteile trennen:
1. Stückzinsen: der Zins für deine Haltedauer seit dem letzten Kupon. 2. Kursgewinn oder -verlust: der Unterschied zwischen Kurswert und deinen Anschaffungskosten.
Beide gehören zu den Einkünften aus Kapitalvermögen. Zins- und Kapitalforderungen gehören nach § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG zu den „Erträgen aus sonstigen Kapitalforderungen jeder Art"; Gewinne aus der Veräußerung solcher Forderungen sind nach § 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 7 EStG ebenfalls Einkünfte aus Kapitalvermögen. Banken weisen erhaltene Stückzinsen auf der Abrechnung und in der Steuerbescheinigung in der Regel gesondert aus. Verluste aus dem Verkauf einer Anleihe fließen in den allgemeinen Verlustverrechnungstopf; die besondere Beschränkung für Verluste gilt nach § 20 Abs. 6 Satz 4 EStG nur für Aktien.
Beispiel: Verkauf im Oktober
Du hältst die Anleihe aus dem Beispiel (Nennwert 10.000 €, 3 % Kupon, Zinstermin 15. Mai) und verkaufst am 20. Oktober 2026 zu einem Kurs von 100 % (Anschaffung ebenfalls 100 %).
- Kursgewinn: 0 €
- Erhaltene Stückzinsen: ≈ 129,86 €
- Steuerpflichtiger Ertrag: ≈ 129,86 € (vor Freistellungsauftrag)
- Bei vollständig ausgeschöpftem Freibetrag: 129,86 € × 26,375 % ≈ 34,25 € Abgeltungsteuer inklusive Solidaritätszuschlag.
Vergleich: Käufer und Verkäufer im selben Geschäft
| Merkmal | Verkäufer (Anleihe vor Zinstermin) | Käufer (Anleihe zwischen Zinsterminen) |
|---|---|---|
| Stückzinsen | werden eingenommen | werden gezahlt |
| Steuerliche Wirkung im Jahr des Geschäfts | positiver Ertrag | negativer Ertrag |
| Nächster Kupon | gehört bereits dem Käufer | fließt dem Käufer in voller Höhe zu |
| Verrechnung | in der Regel Teil der Gesamtbetrachtung bei der Bank | gemäß § 43a Abs. 3 Satz 2 EStG im Verlusttopf der Bank |
Praxis: Stückzinsen auf der Abrechnung prüfen
Auf einer Wertpapierabrechnung für den Anleihekauf findest du typischerweise folgende Positionen (Bezeichnungen variieren je nach Bank):
- Nennwert bzw. Stückzahl und Kurs (in % des Nennwerts)
- Kurswert
- Stückzinsen mit Angabe der Zinstage, häufig mit Zeitraum (zum Beispiel „158 Tage")
- Fremde Spesen / Provision / Börsenplatzentgelt
- Belastungsbetrag und Valuta
So prüfst du die Abrechnung in drei Schritten:
1. Zinstermin und Kupon: Wann war der letzte Zinstermin, wie hoch ist der Kupon, wie oft wird gezahlt? Diese Daten findest du im Wertpapierprofil deines Brokers. 2. Zinstage: Stimmt der Zeitraum von letztem Zinstermin bis Valuta? Das Valuta liegt nach dem Handelstag; bei Börsengeschäften in Deutschland sind das bisher in der Regel zwei Börsentage. Die in der EU für Oktober 2027 vorgesehene Verkürzung des Settlement-Zyklus auf T+1 ändert diesen Abstand künftig. 3. Rechenmethode: Entspricht der Betrag der in den Anleihebedingungen genannten Zählweise (zum Beispiel actual/actual oder 30/360)? Kleine Abweichungen von wenigen Cent kommen durch Rundung zustande.
Zur Frage, an welchem Handelsplatz und mit welcher Ordergattung du Anleihen am besten ordern kannst, hilft der Ratgeber Orderarten beim Wertpapierkauf.
Sonderfälle
Depotübertrag. Wird ein Depot unentgeltlich auf eine andere Bank übertragen, ist das in vielen Fällen keine steuerpflichtige Veräußerung – die Bank meldet dann die Anschaffungsdaten weiter. In den Fällen, in denen der Übertrag steuerlich als Veräußerung gilt (etwa bei einer Übertragung auf eine andere Person), nennt § 43a Abs. 2 Satz 8 EStG ausdrücklich den Börsenpreis zuzüglich Stückzinsen als Einnahme aus der Veräußerung. Allgemeine Hinweise zum Bankwechsel findest du im Ratgeber Depotübertrag.
Ausländisches Depot. Verrechnen kann nur eine inländische auszahlende Stelle automatisch. Hast du Anleihen bei einem ausländischen Broker, musst du die Erträge einschließlich Stückzinsen in der Regel selbst in der Steuererklärung (Anlage KAP) angeben. Wie das abläuft, steht im Ratgeber Anlage KAP für ETF-Anleger. Verlustverrechnung und Stückzinsen sollten dann über die Veranlagung zusammengeführt werden; § 32d Abs. 4 EStG erlaubt dafür, auf Antrag Steuerabzug und Verlustverrechnung zu überprüfen.
Günstigerprüfung. Liegt dein persönlicher Steuersatz unter 25 %, kann sich eine Günstigerprüfung lohnen. Stückzinsen sind dabei Teil der Kapitalerträge, die du in der Anlage KAP erklärst. Hintergrund liefert der Artikel Günstigerprüfung für Kapitalerträge.
Kirchensteuer. Ist die Kirchensteuer bei dir relevant, ändert sich der effektive Satz. Erläuterungen dazu im Ratgeber Kirchensteuer auf Kapitalerträge und zum Solidaritätszuschlag im Ratgeber Solidaritätszuschlag erklärt.
Häufige Fehler und Missverständnisse
- „Stückzinsen sind zusätzliche Kosten." Wirtschaftlich nicht: Du bekommst sie mit dem nächsten Kupon zurück. Echte Kosten sind Spesen und gegebenenfalls ein Kursverlust.
- Den Kupon mit der eigenen Rendite gleichsetzen. Wer unterjährig kauft, erzielt Zinsen nur für die eigene Haltedauer. Der ausgewiesene Kupon überzeichnet deinen Zins für diesen ersten Zeitraum.
- Die Stückzinsen nicht als steuerlichen Posten wahrnehmen. Sie tauchen in der Jahressteuerbescheinigung als negative Erträge auf und verändern Verlusttopf und Freistellungsvolumen.
- Mit mehreren Banken rechnen, als wäre ein Topf vorhanden. Verrechnet wird nur bei derselben Bank; sonst brauchst du die Verlustbescheinigung (Antrag bis 15. Dezember) oder die Veranlagung.
- Dezember-Kauf ohne Blick auf den Freibetrag. Siehe oben: Hohe Stückzinsen am Jahresende können ungenutzten Freibetrag verbrauchen.
- Verwechslung mit Vorabpauschale und Teilfreistellung. Diese Begriffe gehören zu Investmentfonds, nicht zur Einzelanleihe.
Checkliste vor dem Anleihekauf
- [ ] Letzter und nächster Zinstermin, Kupon und Zählweise sind bekannt.
- [ ] Der voraussichtliche Betrag der Stückzinsen ist grob überschlagen (Formel oben).
- [ ] Der Freistellungsauftrag und der Stand des Verlusttopfs sind geprüft.
- [ ] Bei einem Kauf im Dezember ist klar, welches Jahr die negativen Erträge trifft.
- [ ] Bei Depots mehrerer Banken: Zuständigkeit für die Verrechnung und ggf. Frist 15. Dezember notiert.
- [ ] Nach dem Kauf: Abrechnung auf Zinstage und Methode geprüft; Jahressteuerbescheinigung im Blick.
FAQ: Stückzinsen und Steuer
Was sind Stückzinsen bei Anleihen? Stückzinsen sind die anteilig aufgelaufenen Zinsen zwischen dem letzten Zinstermin und dem Erfüllungstag eines Wertpapiergeschäfts. Der Käufer zahlt sie zusätzlich zum Kurs an den Verkäufer und erhält dafür beim nächsten Kupontermin den vollen Kupon.
Sind gezahlte Stückzinsen steuerlich absetzbar? Sie gelten als negative Kapitalerträge und werden von der Bank mit positiven Kapitalerträgen desselben Jahres verrechnet (§ 43a Abs. 3 Satz 2 EStG). Sie sind keine Werbungskosten im klassischen Sinn, wirken aber ähnlich, indem sie den steuerpflichtigen Kapitalertrag mindern. Den Abzug tatsächlicher Werbungskosten schließt § 20 Abs. 9 EStG aus.
Muss ich erhaltene Stückzinsen beim Verkauf versteuern? Grundsätzlich ja: Sie gehören zu den Kapitalerträgen aus der Anleihe und fließen in die Abgeltungsteuer ein. Bei einer inländischen Bank erfolgt der Steuerabzug automatisch, soweit kein ausreichender Freistellungsauftrag vorliegt.
Wo sehe ich die Stückzinsen in der Steuerbescheinigung? Banken weisen Stückzinsen auf der Wertpapierabrechnung aus und berücksichtigen sie in der Jahressteuerbescheinigung bei der Verrechnung. Wie genau die Zeilen bei deiner Bank bezeichnet sind, steht in deren Unterlagen; ein Blick in die Erläuterungen der Bescheinigung hilft.
Fallen bei Anleihen-ETFs Stückzinsen an? Beim Kauf von ETF-Anteilen zahlst du keine Stückzinsen im Sinne dieser Anleihe-Mechanik; die Zinsen laufen im Fonds auf. Die Besteuerung der Fondserträge folgt anderen Regeln (Teilfreistellung, Vorabpauschale), die der Ratgeber zu Anleihen-ETFs erläutert.
Was passiert, wenn ich eine Anleihe kurz vor dem Zinstermin kaufe? Dann sind die Stückzinsen hoch, weil fast die gesamte Zinsperiode abgelaufen ist, und der Kupon fließt dir bald zu. Wirtschaftlich kaufst du dir den Zins nicht zusätzlich, sondern bekommst ihn zurück. Steuerlich entstehen ein negativer und ein positiver Ertrag in kurzem Abstand; liegt der Zinstermin im nächsten Kalenderjahr, trifft das die beiden Jahre unterschiedlich.
Kann ich Stückzinsen mit Gewinnen bei einer anderen Bank verrechnen? Die automatische Verrechnung gilt nur bei derselben Bank. Für die Verrechnung über mehrere Banken benötigst du eine Verlustbescheinigung (Antrag bis 15. Dezember) und die Steuererklärung (Anlage KAP).
Fazit
Stückzinsen sind kein Extra-Kostenblock, sondern der faire Ausgleich dafür, dass Zinsen täglich entstehen, aber nur zu festen Terminen ausgezahlt werden. Steuerlich sind sie für Käufer gesetzlich ausdrücklich als negative Kapitalerträge vorgesehen, für Verkäufer als Teil des steuerpflichtigen Ertrags. Das Zusammenspiel mit Verlusttopf, Freistellungsauftrag und Jahreswechsel entscheidet darüber, ob du davon überhaupt etwas merkst. Prüfe vor dem Kauf Zinstermin, Kupon und Zählweise, behalte die Abrechnung im Blick und nutze bei Unsicherheit die Unterlagen deiner Bank oder fachkundigen Rat. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information, ersetzt keine individuelle Steuerberatung, und Rechtslage und Verwaltungsauffassung können sich ändern.
*Stand: 19.10.2026. Grundlagen: § 20 Abs. 1 Nr. 7, Abs. 2, Abs. 6, Abs. 9 EStG; § 32d Abs. 4 EStG; § 43a Abs. 2 und 3 EStG (gesetze-im-internet.de, abgerufen 19.10.2026); BMF-Schreiben vom 20.12.2022 zu Einzelfragen der Abgeltungsteuer, Rn. 230. Die BMF-Website war zum Abrufzeitpunkt nicht erreichbar; das Schreiben wurde über eine Kopie eingesehen.*
Häufige Fragen
Was sind Stückzinsen bei Anleihen?
Stückzinsen sind die anteilig aufgelaufenen Zinsen zwischen dem letzten Zinstermin und dem Erfüllungstag eines Wertpapiergeschäfts. Der Käufer zahlt sie zusätzlich zum Kurs an den Verkäufer und erhält dafür beim nächsten Kupontermin den vollen Kupon.
Sind gezahlte Stückzinsen steuerlich absetzbar?
Sie gelten als negative Kapitalerträge und werden von der Bank mit positiven Kapitalerträgen desselben Jahres verrechnet (§ 43a Abs. 3 Satz 2 EStG). Sie sind keine Werbungskosten im klassischen Sinn, mindern aber den steuerpflichtigen Kapitalertrag.
Muss ich erhaltene Stückzinsen beim Verkauf versteuern?
Grundsätzlich ja: Sie gehören zu den Kapitalerträgen aus der Anleihe und fließen in die Abgeltungsteuer ein. Bei einer inländischen Bank erfolgt der Steuerabzug automatisch, soweit kein ausreichender Freistellungsauftrag vorliegt.
Fallen bei Anleihen-ETFs Stückzinsen an?
Beim Kauf von ETF-Anteilen zahlst du keine Stückzinsen im Sinne der Anleihe-Mechanik; die Zinsen laufen im Fonds auf. Die Besteuerung der Fondserträge folgt anderen Regeln (Teilfreistellung, Vorabpauschale).
Was passiert, wenn ich eine Anleihe kurz vor dem Zinstermin kaufe?
Die Stückzinsen sind dann hoch, weil fast die gesamte Zinsperiode abgelaufen ist, und der Kupon fließt dir bald zu. Wirtschaftlich bekommst du die gezahlten Stückzinsen zurück. Liegt der Zinstermin im nächsten Kalenderjahr, trifft der negative und der positive Ertrag unterschiedliche Jahre.
Kann ich Stückzinsen mit Gewinnen bei einer anderen Bank verrechnen?
Die automatische Verrechnung gilt nur bei derselben Bank. Für die Verrechnung über mehrere Banken brauchst du eine Verlustbescheinigung (Antrag bis 15. Dezember) und die Steuererklärung (Anlage KAP).